25.02.2022

Briefe



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ID: 20701
Geschrieben am: Freitag 30.01.1863 bis: 01.02.1863
 

Düsseldorf d. 30 Jan. 1863. Freitag
Wie habe ich mich gesehnt nach einem ruhigen Stündchen für meinen lieben guten Freund; es war doch, als hätte sich Alles dagegen verschworen, erst war ich in Holland sehr unwohl, habe dort eine schreckliche Woche durchlebt, eigentlich gekämpft, dann fand sich hier endlose Correspondenz nach allen Seiten hin, die unaufschiebbar war, allen meinen Kindern schreib ich nach langer Zeit einmal wieder selbst, nachher kamen vier Tage in Cöln, wo ich spielte, kurz, ich mußte den Dank für Ihren lieben letzten Brief so mit herumtragen. Der erfreute mich aufs innigste, und kam recht zur guten Stunde nach Amsterdam, um mir mein Leiden leichter tragen zu helfen.
Aber wie lange ist es nun schon wieder her, daß ich nichts hörte!
Gestern von Cöln zurückkehrend, hoffte ich so sicher einen Brief von Ihnen hier vorzufinden, eine Menge andere fand ich, nicht den, der mir vor Allen lieb gewesen wäre. Sie sind doch nicht etwa wieder unwohl? oder gar in sehr trüber Stimmung? ach, dann möchte ich immer bei Ihnen sein können, Sie trösten können und wäre es auch nur, daß Sie ein treues Freundesherz sich nahe fühlten. Ueber die Lieder haben Sie mich so liebevoll beruhigt, ich weiß nun doch, daß Sie sie von mir haben und sie werden Ihnen lieb sein, aber um die Freude Sie damit zu überraschen, bin ich nun doch gekommen u betrogen. Sie müssen nun aber mein Leben die vergangenen 14 Tage wissen, bietet es auch nicht eben viel des Interessanten, so fragt man ja darnach auch nicht viel, wenn man Jemand lieb hat, nicht wahr? –
Also in Holland spielte ich in 5 Tagen in 4 verschiedenen Städten, wie ich es konnte in dem Zustande (es war eine sehr starke Erkältung) begreife ich kaum, denn ich kämpfte oft während des Spiels mit Ohnmacht, man sieht recht, was man mit starkem Willen vermag. Absagen mochte ich nicht, denn ich hätte die Gesellschaften in die größte Verlegenheit gesetzt, und hoffte doch auch immer von Tag zu Tag auf Besserung, die aber erst hier in Düsseldorf wieder eintrat. In Manheim erlebte ich einen Sturm während des Concertes, daß man alle paar Minuten dachte die Decke stürze ein, und das Publikum, die phlegmatischen Holländer in ihren Pelzen gehüllt, denn der Wind pfiff schneidend durch die bretterne Bude, blieben ruhig sitzen. Wie mir dabei zu Muthe war, kann ich nicht beschreiben. Ueber das schauerliche Orchester hatte ich wieder meine Pein, und neu befestigte sich mein Entschluß, mit Solchen nie mehr zu spielen – es ist Einem wahrlich dabei, als litte man an seiner Seele. Hierher zurückgekehrt brauchte ich einige Tage mich zu erholen und mußte dann zum Concert nach Cöln, wo ich das Esdur Concert von Beethoven spielte – ich wollte, Sie hätten es gehört, Sie hätten mir gewiß was Liebes gesagt, und Sie wissen, wie es mich gefreut hätte mehr als all das Applaudiren gewöhnlicher Menschen. Ich begreife es oft nicht wo mir die Begeisterung immer wieder her kommt und oft ist’s so wonnevoll süß durchschauernd, daß ich’s nicht beschreiben kann; in solch einem Momente möchte ich mal sterben können, ach, überhaupt nur bald, denn mit so warmen Empfindungen, so glühender Begeisterung darf man nicht alt werden, nicht endlich einmal allein stehen in der Welt, denn dasselbe Herz, das für die Kunst schlägt, thut es ja auch für geliebte Menschen – diese bleiben Einem eben nicht und was ist man dann? Nichts, ein Baum ohne Blätter. Ich sehe mich so oft im Geiste so verlassen, und kann dann furchtbar traurig werden. – Eben kam ein Brief aber nicht von Ihnen, warum nur lassen Sie mich so lange warten? es beunruhigt mich recht – Joachim schreibt der König habe ihm in einer zweistündigen Audienz so gnädige, fast väterliche Vorschläge gemacht daß er nicht anders konnte, als sich wieder fesseln ließ, er giebt ihm 3 Monate Urlaub und die Bewilligung eines Chors, so daß er, was er längst gewünscht, auch größere Chorwerke zuweilen aufführen kann. Mich freut diese endliche Lösung sehr, es ist gewiß nur zu seinem Glücke, zu einem fahrenden Künstler ist der nicht geschaffen, und, was die Welt an ihm verliert, das gewinnen seine Freunde. Im Concert in Cöln wurde neulich auch meines Bruders Psalm aufgeführt, ich freute mich, endlich einmal etwas von ihm von Herzen loben zu können. Es ist wirklich viel Schönes darin, vortreffliche Behandlung des Chor’s und Orchester, freilich aber die ächte schöpferische Ader fehlt. Man schätzt eben solch eine Composition, verlangt aber nicht sehnend sie öfter zu hören. Er war auf’s Freudigste erregt, wie sehr gönnte ich es ihm, was wird er aber schließlich erreichen? Merkwürdig ist mir immer welche Befriedigung er in seinen Werken findet, nicht den leisesten Tadel erkennt er an!
Von Stockhausen haben Sie wohl nun auch gehört? – er wird morgen in Hannover erwartet zu den Proben zu Faust. Joachim schreibt aber, er habe einstweilen, da vor der Hand Stockhausen noch in Colmar einstudiere einige Proben gehalten, aber keine Idee gehabt wie sauer man es sich mit Dilletanten werden lassen müsse; förmlich buchstabieren müsse man sie lehren, es schwindle ihm ordentlich bei den Gedanken, daß da in 6 Wochen Geist hinein gebracht werden solle. Sie sehen überall ist doch dieselbe Plage! Schreiben Sie mir doch, wann die Jubelfeier in Leipzig sein soll? Bekämen Sie doch mal dort eine Stellung! wenn ich nun aber in Paris lebte, welche schreckliche Entfernung wäre das, und im Sommer wären Sie noch mehr gefesselt als Sie es jetzt sind! Wohl haben Sie recht, es wäre traurig sollten wir uns sofort nur immer ein paar Wochen im Sommer sehen, sind es doch jetzt erst drei Monate, daß wir uns zuletzt sahen, und wie lange kommt mir die Trennung schon vor. Sagen Sie doch nie, daß ich Sie nicht haben wollte, weil ich nicht in Sie dringe da oder dort hin zu kommen. Sie glauben das aber auch nicht wirklich, Sie müssen ja wissen wie lieb Sie mir sind, und daß ich eben deshalb nichts von Ihnen verlangen würde, was Ihnen Nachtheil brächte, und wäre es auch noch so sehr meines Herzens Wunsch. Bis zum Sommer müssen wir nun aushalten, bis dahin lassen Sie uns fleißig einander schreiben, und dann aber um so freudiger unser Zusammensein genießen. Wüßte ich nur jetzt schon, wann Sie kommen können? Könnte ich, wie ich möchte, ich wüßte wohl, was ich thäte! ach aber, es geht ja nicht! –
Nächste Woche am 5 Febr spiele ich in Bonn die Fantasie mit Chor von Beethoven. – Das ist ein Stück wo ich am Schluß immer laut jubeln möchte, und nie begreife, wie die Menschen das so ruhig mit anhören! Das macht mich dann immer ganz betrübt. Nach Paris gehe ich wahrscheinlich d. 10 Febr, habe am 14 meine 1te Soireé dort, gehe dann für 2 Concerte nach Lyon; und wieder zurück nach Paris. Während ich hier nun schrieb, habe ich schon wieder 2 mächtige Briefe gleich zur Beantwortung erhalten, und so geht’s immer fort! Mein Vater macht mir recht Sorge, er wünscht so sehr, daß ich seine Schülerin Katharina Lorch mit nach Paris nehme, und ich bemühe mich schon seit 14 Tagen um ein Unterkommen dort für sie, und kann es nicht finden, und im Hotel mit mir wohnen kann sie auch nicht, da könnte ich sie ja nie allein lassen. Wie schwer auch bei all den eigenen Sorgen noch diese Verantwortlichkeit zu übernehmen, abschlagen kann ich es dem Vater nicht, denn im Grunde macht es mich froh ihm einen Gefallen zu thun. Sie singt übrigens reizend, nur noch wie ein halbes Kind, ohne Selbständigkeit, ohne Feuer.
Der Brief soll heute noch fort, mit ihm tausend Grüße an meinen geliebten Freund! –
Gedenken Sie Ihrer Clara.
Sonntag. es wurde gestern zu spät – noch einen Morgengruß nach Winterthur, werden Sie recht schön fantasieren? Könnte ich doch unversehends mal dahinter stehen.





  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
Empfangsort: Zürich
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
177-182

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 2, S. 36–43, Nr. 36
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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