25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 20702
Geschrieben am: Samstag 07.02.1863
 

Düsseldorf d. 7 Februar 1863. Sonnabend Morgen.
Lieber Freund
Warum höre ich nichts von Ihnen? morgen sind es 3 Wochen, daß ich Ihren letzten Brief nach Amsterdam erhielt! ich sollte in Düsseldorf bei meiner Rückkehr einen Brief wieder vorfinden und hoffte vergeblich, schrieb Ihnen vor 8 Tagen nach Zürich, und noch immer höre ich nichts. Ich weiß gar nicht, was ich davon denken soll, alle möglichen Fälle stelle ich mir vor und bin recht sehr betrübt. Sind Sie krank, oder sind es trübe Stimmungen? meinen Sie mich zu betrüben wenn Sie mir in solcher schreiben? dann bitte, schreiben Sie mir lieber, wie es Ihnen zu Muthe ist, als daß Sie gänzlich schweigen. Ich muß nun vielleicht nach Paris reisen ohne noch ein liebes Wort von Ihnen erhalten zu haben.
Ich kann Ihnen heute nichts weiter schreiben, erst muß ich von Ihnen hören, es fehlt mir die Ruhe zur gemüthlichen Unterhaltung, ich quäle mich nur damit, was Ihnen passiert sein könnte.
Dienstag den 10 reise ich nach Paris, bitte, schreiben Sie mir gleich per Adr. Madame Erard 13 Rue du Mail den 14. habe ich meine 1te Soireé, sorgen Sie, daß ich Brief, und recht guten, lieben von Ihnen bekomme. Ich war vorgestern an meines theuren Roberts Grab, und brach da einen kleinen Zweig für Sie, mein lieber Freund – er sei Ihnen ein inniger Gruß von Ihrer
Clara.
Nachmittags
Der Brief war zu, eben wollte ich ihn zur Post bringen, da kam Ihrer, und nun ist mir wieder leichter um’s Herz, nur thut es mir weh, daß Sie mich der Sorge um Sie überließen ohne gewichtigen Grund. Gedachten Sie wirklich immer meiner und ließen mich doch so lange ohne ein Wort? – bitte, thun Sie es in Zukunft nicht mehr, und sei es auch mal wirklich nichts mehr, als ein freundlicher Gruß. Wären Sie doch nur aus dem unglücklichem Logis! Das hat Ihnen gewiß diese Erkältungen zugezogen.
Mir ist’s übrigens ähnlich wie Ihnen ergangen, ich bekam vor 8 Tagen glücklich auch noch einen collossalen Schnupfen, freilich nur wie einer Sterblichen zu theil wird aber arg genug, nur daß ich recht dabei litt.
Trotzdem überstand ich auch die letzte Anstrengung in Bonn glücklich, und hatte dort noch einen Genuß, der mich Alles vergessen ließ, nur nicht, daß ich ihn allein haben mußte. Es war das Credo aus der Bachschen Hmoll Messe, daß [sic] ich zum ersten Male hörte, mehr Wonne, solche herrliche Musik zum ersten Mal! meine Empfindungen wechselten fortwährend in Thränen dann wieder hätte ich laut jubeln mögen, dann überrieselte es mich wieder kalt, daß ich stumm war. – Das nenne ich klagen und preisen, wie der es kann! ich wollte nur Sie hätten’s mit mir gehört, gewiß, es hätte auch Sie auf’s tiefste ergriffen. Hier giebt es jetzt ein Hin u Her über das nächste Musikfest. Leider haben sie, namentlich hier in Düsseldorf, bei den Musikfesten nicht mehr die Kunst im Auge, sondern nur noch den Erwerb; sie überlegen also, was bringt mehr Geld, die Lind oder Wagner! nun man schrieb an Erstere, die sogleich sich anbot gratis zu singen, wenn man ihren Mann das Fest dirigieren lassen wollte und man wird wohl darauf eingehen; insoweit, als Goldschmidt die Chorsachen Tausch (als städtischer Musikdirector) die Instrumentalwerke dirigieren soll. Was sagen Sie dazu? ich für mein Theil begreife am wenigsten die Lind; wie sie so wenig Ehrgefühl für den Mann hat, daß sie ihn so überall aufdrängt, partout zu einem berühmten Manne machen will. Was der Mann nicht aus eigener Kraft schafft, das kann nicht Bestand haben und wozu all das? – ist es nicht genug wenn er ihr Herz ausfüllt? wenn er seine Kinder zu tüchtigen Menschen erzieht? – da ist aber die Eitelkeit, die schließlich alle Liebe verschlingt.
Ueber Brahms las ich gestern auch einen Artikel von Debrois, der war aber fast durchgängig mir aus der Seele geschrieben; er stand in einem Wiener-Blatt für Theater und Musik.
Sie fragen, ob mir nicht graut vor den Provinzial Städten Frankreichs, gewiß, liebster Freund, aber, Künste mache ich ihnen dort nicht ja ohnehin beabsichtige. Da hoffe ich mir dann einzureden, ich spielte für mich Allein, auf Orchesterstücken lasse ich mich ja nicht ein, und habe ich es überstanden, so ist das Honorar nicht bitter. Ich thue ja nichts was meiner Künstlerehre zu nahe tritt, gehe nur in ein paar der größten und gebildesten Provinzstädte, vielleicht gar nur nach Lyon, wo man in den letzten Jahren musikalisch recht fortgeschritten sein soll wo z. B. Roberts Quintett ein Lieblingsstück des Publikum’s ist, und als Bedingung meines Engagements verlangt ist. Ich wohne diesmal auf meine Kosten in Paris. Sie wissen voriges mal war ich Madame Erard’s Gast. Paris allein trägt mir diese kaum. Von Paris weg zu bleiben, wäre mir nicht klug geschienen, da ich eher oder später doch vielleicht auf längere Zeit mal hingehe, überhaupt muß man in so große Städte mehrere Jahr hintereinander kommen, dann erst erzieht man sich das Publikum für die Zukunft.
Abends
Daß Ihnen Ihr Verein Spaß macht, freut mich sehr, – eine gute Uebung auch in Geduld ist er Ihnen es gewiß, und später hoffe ich sehnlichst auf mehr Dirigentenfreuden für Sie.
Ich meine zuerst müßte es sich doch einmal in Zürich machen, dann mal angefangen findet sich auch Besseres. Verlieren Sie doch nie den Muth, mein Lieber, nur mit Muth können Sie etwas gewinnen, arbeiten Sie rüstig darauf los, auch bald bitte, sobald es wärmer wird, recht fleißig Orgel. Sie müssen durchaus besser Orgel spielen können, als irgend ein Anderer, denn es fehlt ja nur das bischen Sicherheit, sonst kennt die Geheimnisse des göttlichen Instruments ja keiner wie Sie. Besäße ich doch besser die Gabe der Ueberredung, daß ich Sie recht überzeugen könnte, daß man recht viel selbst dazu thun kann, sich seine Stellung zu einer wenigstens theilweise befriedigenden zu gestalten und dann hat man doch sicher den Lohn, der ein thätiges Streben schon in sich trägt. Ich drücke mich wohl undeutlich aus, nun, dem sei, wie ihn [sic] wolle, was ich meine, wissen Sie und wie ich es meine, erst recht! –
Am 19.ten werde ich sehr viel bei Ihnen sein – nicht gerne denke ich mir Sie in Basel, – denn es macht mich wehmüthig, ich meine, ich müßte auch da sein, doch, Frau Riggenbach gönne ich die Freude von Herzen. Grüßen Sie doch Beide, ihnen meine besten Wünsche. Wie lange bleiben Sie dort? Also, nächstens, bald nach Paris Mdme Erard, 13 Rue du Mail.
In Ihrem Briefe hat mich so ganz besonders erfreut, was Sie mir so innig von Ihrem Vertrauen zu mir sagen; erhalten Sie es mir, ich werde es immer hegen wie den größten schönsten Schatz meiner Freundschaft. Leben Sie wohl theurer Freund
Herzinnig Ihre
Clara.




  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Zürich
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
182-186

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 2, S. 44–51, Nr. 37
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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