25.02.2022

Briefe



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ID: 20707
Geschrieben am: Mittwoch 01.04.1863
 



Brüssel d. 1 April 1863.
Liebster Freund,
einen Gruß möchte ich Ihnen doch gern nach Winterthur senden, obgleich ich nichts wieder von Ihnen gehört, worauf ich täglich gehofft. Ich denke dort, am ersten Tage wieder – warten Sie vielleicht meines Grußes, und ist er Ihnen am willkommensten. Schreiben Sie mir auch noch so gern, wie früher? und haben Sie auch an meinen Briefen noch so viel Freude? – mir ist manchmal, als wäre es nicht mehr so – welch ein trauriges Gefühl überkommt mich dann. – Mir ist, als wüßte ich schon lange nichts mehr von Ihnen – nach dem Faust hatte ich Brief von Hannover, aber nicht von dem, wo es mich am meisten gefreut hätte. Ich mußte jetzt so oft denken, wie doch so reiche Leute sich mit ihrem Gelde Alles schaffen können. Können einen guten Freund mit auf Reisen nehmen, ihm Genüsse schaffen etc. und unsereins, mit welcher Wonne thäte man das, hat aber nur das Sehnen danach. –
Ob Sie wohl in Berlin meine Kinder gesehen haben? Die Wohnung freilich mögen Sie jetzt ungemüthlich genug gefunden haben. Heute kommen die Kinder auf 8 Tage nach Düsseldorf bis unsere Meubles in Baden angelangt. Ich gehe am Sonnabend auch dahin und bleibe wohl bis Mitte April.
Wie sehne ich mich nach meiner Familie – oft trage ich so schwer allein, was voll und warm mir im Herzen lebt, sei es Freude oder Leid. – Ach, es ist viel mehr das Letztere. – Könnte ich doch mein Inneres zu Stein machen, wie viel besser wäre es. –
Ich habe gestern hier eine Matinée gegeben, und wollte schon heute fort, konnte aber Kufferath’s Bitten, bei denen ich wohne, nicht wiederstehen und versprach noch bis Sonnabend zu bleiben. Sehe ich den Mann arbeiten täglich von Früh bis Abend im Stundenjoch, oft 10 am Tage, und mit welcher Frische er dann noch am späten Abend selbst musiciert und genießt, was man ihm spielt, da kommt es mir wie eine recht große Pflicht vor, ihm die Freude zu schaffen, woran er, wie er sagt, Jahre zehrt. Und denken Sie, daß er bei aller Arbeit doch noch kaum seine und seiner großen Familie Lebensunterhalt erschwingt. – Mein theurer Freund, ich bringe heute nichts zu Stande – mich beschleicht immer das eine traurige Gefühl während ich hier schreibe; Höre ich bald von Ihnen? – wäre es doch recht bald, und so, daß mir wieder froher zu Muthe würde.
Ich grüße Sie von ganzem Herzen, gedenken Sie Ihrer
getreuen Clara.
Adr. Düsseldorf. Fr Rosalie Leser


  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Brüssel
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
196ff.

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 2, S. 68–70, Nr. 41.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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