25.02.2022

Briefe



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ID: 20711
Geschrieben am: Mittwoch 03.06.1863
 


Baden d. 3 Juni 1863 Lichtenthal No 14.
Täglich nahm ich mir vor Ihnen, liebster Freund, zu schreiben, konnte aber keine rechte Mußestunden finden, und Ihnen schreibe ich so ungern, wenn ich mir die Minuten so quasi stehlen muß, mir wird dann gar nicht gemüthlich. Ich hatte mir freilich gedacht, Sie würden jetzt längst hier sein, erwartete Sie gleich nach den Feiertagen, doch mit dem Concerte haben Sie sehr Recht, das nehmen Sie ja mit. Sei es nur recht viel, damit ich nicht gar zu sehr mit dem Gefühle kämpfen muß, daß Sie unserer Freundschaft so große Geldopfer bringen. Aber nach dem Concert, dann kommen Sie sehr bald nicht wahr? ich habe bis jetzt noch Niemand auf bestimmte Zeit eingeladen, weil ich mir die Freude nicht stören möchte, Sie so lange, wie Sie können und mögen bei mir zu sehen. Also, jeder Tag paßt mir, wo Sie mitkommen wollen, und jeder folgende erst recht.
Die 7 Raben sind unversehrt bei mir angekommen und morgen erhalte ich sie unter Glas und Rahmen – wie freue ich mich darauf. 1000 Dank nochmals Lieber! Aber mit den Liedern bin ich recht unglücklich, und fürchte, ich werde sie Ihnen bei Ihrer Ankunft noch nicht vollständig vorlegen können, wie ich es gewünscht, denn durch den Umstand, daß Sie die Hefte, welche Sie mir früher angegeben, nicht mehr haben, mußte ich darum an verschiedene Verleger schreiben, und fehlen mir jetzt noch immer 2 Hefte. Ich sollte Sie wohl eigentlich etwas auszanken, Sie Tausend Sapperlot! Doch, wie wenig Ernst es mir wäre. – Sie brauchen nun aber gar keine Lieder mitzubringen, jedoch was Ihnen etwa von 4 händigen Sachen noch einfällt, bei Riggenbachs finden Sie ja Alles. Diese grüßen Sie doch sehr, und sagen ihnen, daß ich hoffe, sie im Laufe des Sommers mal hier zu sehen, aber nicht, wenn Sie da sind! oder, wünschen Sie das vielleicht? so eine Unterhaltung wäre Ihnen doch gewiß eine angenehme Abwechselung? – machen Sie es wie Sie wollen, wie es Ihnen am liebsten, ich möchte nichts, als, daß es Ihnen behaglich hier wäre, jedoch diese Unterbrechung nur einige Tage während, nicht wahr, mein theurer Freund? – Jetzt schreibe ich aber nichts weiter, Sie kommen ja nun bald! am 8ten denken Sie recht innig an mich, gewiß fühle ich es dann, und so leben Sie wohl bis auf endliches Wiedersehen.
Getreuest Ihre Clara.





  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Zürich
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
208ff.

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 2, S. 86–88, Nr. 45
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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