25.02.2022

Briefe



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ID: 20712
Geschrieben am: Freitag 12.06.1863
 

Baden d. 12 Juni 1863. Abends
Was soll ich Ihnen auf Ihren letzten Brief sagen, mein lieber Freund? unsere Briefe hatten sich begegnet, meiner so voll freudiger Erwartung, und nun Ihrer so niederschlagend. Ein Klagelied möchte ich anstimmen, dann aber zählten Sie mich am Ende schließlich mit unter die lästigen Freunde? so will ich also lieber davon schweigen, wie mir’s um’s Herz ist, und sagen, Sie haben sehr recht, an den Herr u Frau Riggenbach Freundespflicht zu erfüllen, und nun gar in diesem Falle. Ich harre geduldig aber dann, wenn Sie keine Rücksichten mehr haben, dann gehören Sie mir eine Weile recht ungestört, nicht wahr, mein guter Freund? Ich fürchte so sehr daß im Juli öfter durchreisende Besuche zu mir kommen, natürlich nicht zum wohnen, aber sie rauben einem doch Stunden, das kann ich eben nicht umgehen; jetzt, diesen Monat, hätten wir wenig Störung gehabt.
Ich habe nun, um dies, wenn Sie kommen, hinter mir zu haben, einen Besuch für die ganze nächste Woche angenommen – eine Dame mit 2 Töchtern aus Frankfurt, sie wohnen nicht bei mir, aber kommen nur meinetwegen. Frau Schroedter war neulich aber einige Tage bei mir. Ich hatte so sicher gehofft, daß Sie der Erste in meinem Fremdenzimmerchen, das so heimlich ist, hausen würden; hatte es so sehr gewünscht! Doch, ich wollte ja nicht klagen.
Singt denn Stockhausen in Ihrem Concert am Sonntag? – er besuchte mich ganz unerwartet neulich ein paar Stunden, und, als er von Ihrem Concerte hörte, sagte er, er wolle gleich an Sie schreiben, Ihnen seine Hülfe anbieten. Er war niedergeschlagen, – seine Bewerbung um das reizende Mädchen in Berlin ist unglücklich ausgefallen, er reiste deshalb hin, und sah schließlich statt des Mädchens nur die Mutter, die ihn abwies, da er kein Doctor oder Professor oder sonst ein anständig Angestellter sei. Er glaubt nun, die Mutter habe das Mädchen eingesperrt, doch glauben Sie, daß es für ein deutsches Mädchen, das liebt, ein Schloß giebt? – ich nicht! Jedenfalls hat sich der gute Stockhausen übereilt, denn er hatte das Mädchen nur 3 mal gesehen, da überstürzt er sie mit einem Antrag. Sprechen Sie aber nicht davon, er hat es leider schon selbst so viel gethan vorher, daß ich ihm sehr wünsche, es käme in Vergessenheit. – Er soll auf dem Musikfeste ganz herrlich gesungen haben, nun, Sie haben wohl schon genug darüber gelesen. Denken Sie, wer überrascht mich neulich, Mortier, und hatte gar die Absicht hier in Lichtenthal einzumiethen, doch hoffe ich, es bleibt dabei! Er fordert mich auf mit ihm Roberts Variationen in einem Concerte hier zu spielen, daß [sic] er geben wollte um sich der drückensten [sic] Lasten zu entledigen – ich denke aber wohl, um es zu verspielen – ich schlug es ihm aber ab. Mit einem Menschen, den ich als Character verachte, kann ich nicht spielen. Sagen Sie mir doch, wohin Sie reisen. – Dieses wüßte ich gern, sonst finden Sie ja meine Gedanken gar nicht. Wenn Sie hierher kommen, steigen Sie doch gleich bei mir ab? Sie sollen, so lange Ihre Freunde da sind, ganz ungeniert sein, nur fände ich es so höchst ungemüthlich Sie in Baden im Hôtel zu wissen.
Den Tag Ihrer Ankunft lassen Sie mich ja auch wissen, vorher aber höre ich doch noch von Ihnen? sagen Sie mir auch, wie Ihr Concert ausgefallen, ich will recht bei Ihnen sein, mit allen guten Wünschen, sende Ihnen auch zum Sonntag diese Zeilen – mir ist immer so wohl, wenn ich an Concerttagen einen liebevollen Gruß bekomme – ich möchte, immer wäre Ihnen das auch, und Sie dächten beim phantasieren mal an mich, und auch sonst recht oft. Jetzt drücke ich Ihnen zum Schluß noch recht innig die Hand, mein theurer Freund
Ihre treue Clara.
PS. Bitte, fragen Sie doch Herrn Rieter wie ich das verstehen sollte, daß er mich fragt, ob er bald das Requiem erhalte, während er mir im vorletzten Briefe schrieb, er zöge vor dasselbe erst später zu drucken, wenn es mir recht wäre. Ich habe deshalb die nochmalige Durchsicht des Requiems jetzt unterlassen. Sagen Sie ihm, mir sei Alles recht, wie es ihm am liebsten, er soll es nur sagen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Zürich
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
210ff.

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 2, S. 89–93, Nr. 46.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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