15.07.2019

Briefe



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ID: 20833 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 28.07.1839
 

Verehrtester Herr,

Es drängt mich mit Ihnen einige Worte zu reden, und Ihnen Mein und Schumanns Glück an’s Herz zu legen. Ich bin höchst betrübt, daß es so weit kommen mußte, daß ich öffentlich gegen meinen Vater, den ich so sehr liebe und dem ich so Vieles verdanke, auftreten muß, und nur der Gedanke an eine baldige Versöhnung kann mich trösten. Können Sie mir es wohl verdenken wenn ich jetzt nicht nach Leipzig kommen will? ich kann meinem Vater nicht in Person vor Gericht gegenüber stehen, denken Sie nur wie schrecklich für mich! ich bitte Sie inständigst, suchen Sie das zu vermeiden, es kostet mir meine Gesundheit und nebenbei müßte ich hier in Paris Alles aufgeben, was ich mir mit Mühe vorbereitet. Ich soll mit einer Familie im nächsten Monat in das Seebad reisen, wo ich viele Bekanntschaften machen werde, die mir für Paris von größtem Nutzen sind; ueberhaupt gestaltet sich für nächsten Winter Alles so zu meinen Gunsten, daß mein ganzer Zweck verfehlt sein würde, wollte ich Frankreich jetzt verlassen. Es hält in Paris unendlich schwer durchzudringen, doch ist es gelungen, dann muß man es auch benutzen. Was würden meine vielen Neider Alles auffinden wenn ich fort ginge, welche Gerüchte würden sie verbreiten! es würde diese ganze Handlung meinem Künstlerruf und (meine Anwesenheit in Leipzig außer dem elterlichen Haus) meinem Ruf als Mädchen sehr schaden, – meinen Ruf muß ich mir zu erhalten suchen, er ist mir theuer! das Publikum urtheilt leider gar zu sehr nur nach dem äußeren Schein. Man sagte mir mir uebrigens, daß, so lange ich nicht mündig und Schumann noch nicht das Recht über mich zugesprochen sey, der Vater das Recht habe mich, sobald ich in Sachsen bin, in sein Haus zurück zu fordern, ist das wahr? welch Unglück wäre es dann für mich, Sachsen betreten zu haben! wie könnte ich jetzt mit meinem Vater einen Tag zusammen leben! Ich bitte Sie, thuen Sie ja Alles was in Ihren Kräften steht, Sie machen zwei glückliche Menschen, und hab ich meinem Vater nicht öffentlich persönlich gegenüber gestanden, so ist auch an eine baldige Versöhnung zu denken. Glauben Sie, verehrtester Herr, wir verdienen es glücklich zu sein, denn wir haben schon Viel um Einander gelitten.
Schumann schrieb mir, daß Sie einen guten Ausgang des Prozesses versprechen wenn wir muthig bleiben, – unseres ausharrenden Muthes können Sie versichert sein, dafür bürgt unsere Liebe. Könnte ich Ihnen doch mein ganzes Herz zeigen, Sie würden die Ueberzeugung gewinnen, daß Sie für das Glück Zweier handeln, die es Ihnen ewig danken. Noch einige Fragen erlauben Sie mir: gilt die Vollmacht, die ich geschickt, nicht genug? soll ich vielleicht einen Brief an das Gericht zu Leipzig schreiben, worin ich erkläre, daß Schumann ganze Vollmacht über mich habe, und daß ich mit Allem was Er thue einverstanden sey? haben Sie doch die Güte mir zu schreiben was ich thuen soll, und ob Sie fest glauben, daß meine Anwesenheit in Leipzig nöthig sein wird? was Sie überhaupt von dem Ausgang der Sache denken? ich würde es Ihnen sehr danken.
Verzeihen Sie, daß ich Ihre Zeit in Anspruch genommen, und genehmigen Sie nur noch die Versicherung der vollkommensten Hochachtung
Ihrer
ergebenen
Clara Wieck.
Paris d. 28/7 39.

„Rue de Navarin, Faubourg Montmartre No. 12“ ist meine Adresse.
[Umschlag]
Monsieur
Monsieur Einert.
Advocat.
à
Leipzig en Saxe. Allemagne.
franco.

  Absender: Wieck, Clara, verh. Schumann, Clara (3152)
  Absendeort: Paris
  Empfänger: Einert, Wilhelm (414)
  Empfangsort:
  SBE: II.19, S. 367-369
 



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