19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 20878 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 16.08.1859
 

Rothenbach den 16 Aug. 1859.

Hochzuverehrende Frau!

Ihre werthvollen fr. Zeilen vom 8 Aug. mit welchen Sie mich so hoch erfreuten und überraschten, sind endlich heute in meine Hände gelangt, und mußten, da ich seit 14 Tagen Tübingen verließ (um in einem stillen Schwarzwald-Thälchen <> mir Ruhe u. Erholung für m. angegriffene Gesundheit zu holen, –) bei der hier höchst mangelhaften Post-Verbindung zu meinem innigen Bedauern in Tübingen liegen geblieben, oder auf Umwegen hieher gekommen seyn! Mögen Sie daher verehrte Frau! in meiner verspäteten Erwiederung deßhalb nicht ein Versäumniß v. meiner Seite erblicken, sondern fest überzeugt sein, daß nur d. verspätete Empfang Ihrer mir so schätzbaren l. Zeilen die Ursache <>so langer Pause sein konnte. Wie soll ich Ihnen aber meine Freude, meine Rührung, meinen Dank lebhaft genug aussprechen für so viele Liebe und Güte, welche sich in Ihrem liebevollen Anerbieten ausspricht. |2| Sie liebe theure Frau! wollen mit solch aufopfernder Liebe sich für mein geringes Talent verwenden – Sie, welche selbst für sich u. die Ihrigen genug zu sorgen u. zu thun hat? Sie wollen mir so liebreich zur Seite stehen, die Todten wieder zum Leben erwecken – das Vergessene wieder aus dem Moder hervorziehen – und an der Thüre „eine<s>r kalten Verleger Seele“ mir anklopfen helfen? – Wie gut und edel, wie liebevoll ist das von Ihnen, wie rührend dieser Zug, der nur in einer edlen wahren Künstlerseele entstehen kann! – Wie sehr mich Ihr fr. Wohlwollen, Ihre aufopfernde Liebe hinreißen und begeistern muß, werden Sie wohl selbst fühlen und gerne begreifen, daß ich mit beiden Händen Ihr mir so werthvolles l. Anerbieten mit erneutem Muthe ergreife und annehme, so sehr ich im Hinblick auf das Gelingen und meiner der Welt fremd gewordenen Compositionen, fast wieder ausrufen möchte: „Mönchlein! Mönchlein! Du gehst einen schweren Gang!!!“ – – Aber – was die Liebe thut, das wird von allen Engeln begünstigt! Deßhalb glaube und hoffe ich, daß ein wohlwollendes Wort aus Ihrem l Munde, ein einziges Wort aus d. Munde einer <so> in der ganzen Welt so hochstehenden Künstlerin wie Sie es sind – bei einem Verleger Alles zu bewirken im Stande |3| ist! Ihr Urtheil wird ihn gewiß da bestimmen, wo er sonst gezaudert haben würde! – Meine Lieder hatten ihre Epoche so lange ich dieselben noch selbst überall sang u. Anderen lehrte pp In jener Zeit war es Mendelssohn, Hiller, <Heller> Heller, Henselt, Lachner pp u. andere Kunstgenossen welche d. ihre fr. Anerkennung höchst aufmunternd auf mein Talent u. m. Muse wirkten! Ehe ich nur selbst im Entferntesten daran dachte irgend Etwas z. Druck zu bringen, da ich m. Lieder in d. That für viel zu unbedeutend o. gering hielt – war es Fr. Kistner der sich mir selbst sogar zum Verleger auf’s Vortheilhafteste unter vortheilhaften Anerbietungen anbot, somit begann ich auf d Rath meiner Freunde es anzunehmen und freute mich eines Glückes das ich gar nicht verdiente <!>, denn nicht ich, sondern d. l Gott hat mir alle m. Lieder geschenkt! Jedoch die lange Pause v. 15 Jahren, welche m. Verheirathung hervorbrachte, u. welche durch d. immer mehr wachsenden Familienkreis entstand, brachte das so gut begonnene Werk wieder aus d. Gleise – ich kam immer seltener zur Herausgabe – u. verzichtete allmählig ganz u. gar dergl. Erfolge! Einige Male noch war es Breitkopf u Härtel der mir Einige Hefte verlegte! Dann aber erfolgte Mendelssohn’s großer Nachlaß, der ihn so unendlich lange beschäftigte in jener Zeit war es nun, wo auch ich mich wieder aufraffte und mit Liedern bei ihm anklopfte – allein er wies mein Anerbieten auf’s Artigste diesmal ab – |4| Daß mich dieses Erste u Einzige Mal aber auf lange Zeit zu einem 2ten Versuche einschüchterte, ist eine natürliche Sache! umso mehr, als ich an mir selbst d. Glauben immer mehr verlor, und meine Gesundheit immer wankender wurde! Seit dieser Zeit nun konnte ich mich lange nicht mehr entschließen einen Versuch zu machen! Erst nach dem Schwersten was mich traf – nach dem bittern Verluste meines unvergeßlichen Gatten, tauchte dieser Hoffnungsstern wieder neu in mir auf! Und plötzlich meinte ich es für Pflicht halten zu müssen, noch einmal nach dem mir Versagten zu ringen – da es jetzt dem Erwerben für m. guten Kinder galt, welchen ich es schuldig zu seyn glaube. So raffte ich mich noch einmal zu Härtel auf – und ich mußte eine 2te Zurückweisung erleben, (die mich bitter um meiner Kinder willen schmerzte!) <> Je schmäler d. guten Aussichten – desto feuriger wurde mein Streben, doch noch zu einem Ziel zu gelangen! Ich wandte mich sogar nach Rostock, allein jener Verleger machte Bankroth! Auch in Weimar ging Einer auf u davon – nebst m. Sachen! Schlesinger erbat sich aus einem Heft v Liedern nur ein Einziges, und schickte d. Andern zurück – das Einzige erbat er sich gratis in sein Echo! Ich ließ ihn gewähren. Die letzte Ausgabe einzelner Lieder nun erschien dann noch bei Ebner in |5| Stuttgart, wo auch in ganz letzter Zeit 2 Lieder wieder erschienen! Gebe Gott, daß sie einen günstigen Erfolg erleben, sonst ist’s auch um diese Aussicht gethan. <Mein> Den höchsten Werth würde ich schon darauf legen einmal wieder in Wien, Berlin od. Leipzig Etwas gedruckt zu wissen, wozu es besonders nöthig sein wird, daß das Publikum in irgend einer Zeitschrift wieder d. irgend eine wohlwollende Recension aufmerksam gemacht würde! Aber sehen Sie hochverehrte Frau! Alle diese Dinge kann man sich ja nicht selbst verschaffen, und Andere haben stets für sich genug zu thun! Die aller Neusten meiner Lieder, welche in diesem Frühling zur Welt kamen habe ich bereits aufgeschrieben, und liegen friedlich in Tübingen, von woher sie mir Niemand gut schicken kann, ohne eine noch ärgere Revolution unter mein Noten Chaos zu bringen! Hier habe ich kein Notenblatt mitgenommen – u. lebe sogar 14 Tage ganz ohne Musik, ohne Piano!!! In 14 Tagen etwa od 3 Wochen gedenke ich wieder nach Tübingen zurückkehren zu können, dann soll es gleich mein Erstes sein, ein Heft mit 6 Liedern zusammenzustellen, und Ihnen zuzuschicken, sobald ich nur weiß, wohin ich bis dorthin es für Sie |6| adressieren darf, da Ihren Zeilen gemäß die Zeit Ihres Aufenthaltes zu Wildbad wohl bis dorthin wird abgelaufen seyn!! Wenn Sie nur die große Gewogenheit hätten mit ein paar Zeilen mir nur Ihren nächsten Aufenthalt anzeigen zu wollen, so würde ich gewiß nicht säumen Ihnen dorthin zu schreiben und – (in Gedanken) mit d Noten unter d. Arm zu Ihnen wandern! Ja! könnte ich dies nur wirklich, wie gerne würde ich Ihnen nachjagen! Aber leider ist mein Körper viel schwerfälliger als d. Geist, der Sie schon seit vielen Jahren mit d. größten Interesse u. d. innigen Verehrung verfolgt! Wenn Sie nach Stuttgart kommen, würden Sie dann nicht Ihr Versprechen halten und einen Ausflug nach Tübingen vornehmen? Doch, wenn ich in Ihren Interessen denke, so dürfte ich in dieser jetzigen Zeit es Ihnen fast nicht rathen, da jetzt die Vakanzzeit ist, wo Alles ausgeflogen ist, und mit <1>einem Conzert Nichts zu erwarten wäre! Aber Ende Oktober – November!! Wie beglückt würde Alles seyn! Aber am Meisten wäre ich es! Und wie würde es mich so glücklich machen Sie endlich und endlich v Angesicht zu Angesicht zu sehen, und Ihre l. Hand drücken zu dürfen[.] |7| Und wenn Sie bei äußerst bescheidenen Ansprüchen es nicht verschmähen würden, in dem <stillen> in einem Garten gelegenen stillen Hause einer trübsel’gen Wittwe u. ihren 6 Kinderchen zu wohnen, so würden Sie mich glücklich machen, wenn Sie verehrte Frau! die höchst bescheidene und einfache schwäbische Herberge unter meinem Dache nehmen würden?! Wir könnten nirgends uns so treulich kennen lernen und stiller u. ungestörter zusammen seyn! – So sehr ich mich auf das versprochene Albumblatt freue, so bitte ich doch, mir dasselbe nur ganz gelegentlich „in ruhiger Stunde“ zu zu denken. In Betreff eines immer angegriffenen Sprech- u. Sing <o>Organes, u. meiner herabgekommenen allgem. Kräfte, geht es mir allerdings gar nicht gut. <i>Ich habe immer mit Angegriffenheit zu kämpfen und muß meiner Gesundheit viele Opfer bringen! In’s Besondere hemmt sie mich am fortwährenden Arbeiten, u. an meinem Erwerb d. Stunden, derer ich hier so Viele hätte, u. ein weites Feld über meine Kräfte mir zu Gebot stünde! Jedoch meine Gesundheit, meine Kehle vor Allem – gestattet mir nicht mehr als höchstens 2–3 St. im Tage – neben d. Haushaltung ist dies schon das Höchste! Auch greift mich d. Musik selbst innerlich als Äußerlich sehr an! Nach d Tode |8| meines l. Mannes hätte ich wohl Tübingen verlassen können – jedoch gerade hier fände sich für mich der trefflichste Wirkungskreis – da nicht ein Gesang-Lehrer da ist! – –wenn ich nur die Kraft dazu hätte! In meinem Vaterlande dürfte ich m. Pension nicht verzehren – auch sind alle meine Kinder protestantisch – ich katholisch! Ihrer Erziehung zu Liebe mußte und zog ich selbst es vor in Würtemberg zu bleiben, das ja auch meine zweite Heimath geworden ist, u. wo ich so glücklich war! – In Tübingen trage ich wie auch andere mein schweres Geschick! Sie liebe Frau! Wissen es ja selbst am Besten – wie es zu tragen ist. Doch wäre es undankbar nicht auch zu erwähnen daß mir viele theure Verwandte u Freunde zur Seite stehen, und daß ich in d kl. Kreise lieber Menschen ganz v. Liebe getragen werde, Gott schickt uns armen Verlassenen doch auch manchen Trost in treuen Freunden, und manche Freude, wie ich auf’s Neue es jetzt erlebe, indem er Sie verehrte Frau und Ihre liebevolle Theilnahme mir jetzt geschickt! Doch, nicht länger mehr will ich Sie ermüden mit meinem Plaudern, das kein Ende finden will! – Wenn es Ihnen hochverehrte Frau! möglich wird, bei d. Verleger in Stuttgart (wenn Sie dahin kommen) auch irgend ein günstiges Wort fallen zu lassen, und etwa nach d. Herausgabe meiner Lieder nur zu fragen – |9| So wird dies wie ich glaube, allein schon hinreichend imponieren! Und können Sie in Leipzig od Berlin Etwas für mich erzielen, oder etwa gar in Paries [sic] d. Stephen Heller pp so machen Sie eine Seele auf dieser Welt noch einmal glücklich (so weit sie im Unglück – glücklich zu seyn im Stande ist.) Leben Sie denn wohl verehrte Frau! – Bleiben Sie nur gesund, und muthen Sie sich nicht allzu Viel zu! Wie beneide ich die Wildbader Gäste! Könnte ich nur hinfliegen und lauschen! Seit <>14 Jahren habe ich nicht mehr spielen gehört! Mendelssohn u Lizst [sic] waren die Letzten die ich hörte! u. Heller! Unvergeßliche Zeit!!
Unter 1000 herzlichen Empfehlungen und Wünschen für Ihr Wohl verbleibe ich mit inniger Hochachtung
Ihre
ergebenste
Josephine Köstlin
geb. Lang
Meine Adresse ist:
J. Köstlin in
Röthenbach
bei Nagold.
wo ich Ihren Brief sogl. nur erhalte.

|10| Wie gottvoll sind die schönen Lieder Ihres sel’gen Gatten an s. l. Braut!!
O wie lieb d. Nußbaum!!! u. besonders das Erste!! O wie schön! Wie groß und erhaben und wie edel jeder Takt! Welch eine bezaubernde Kraft liegt in diesem Ausdruck. Es durchschauerte mich ganz fieberhaft, als ich es zum Erstenmale durchsah!
Wer macht jetzt heut zu Tage noch solche Lieder?
Ich wüßte Niemanden! Wenn Sie es nicht thun! –

  Absender: Lang, Josephine verh. Köstlin, Josephine (862)
  Absendeort: Rotenbach
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
174-181
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.