19.12.2019

Briefe



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ID: 21042 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 19.02.1885
 

Frankfurt a/m 19/2. 85.

Liebes Lies’l!

Tausend Dank für Ihre theilnehmenden Worte, denen man so recht anfühlt, wie Sie mit uns empfinden. Es ist ein unbeschreiblich trauriges Gefühl, was mich jetzt beherrscht, nicht um den Verlust, wenn dieser ja auch beträchtlich genug ist, u. unersetzlich durch den Raub des herrlichen Leipziger Geschenk, aber das Gefühl des Mißtrauens u. die Nervosität, die Einem vor jedem fremden Menschen erschrecken läßt, der Gedanke, sich nicht ruhig schlafen legen zu können, ohne Furcht, etwas Schreckliches zu erleben, ist entsetzlich. Das Sinnen den ganzen Tag, wie man sich versichert durch Wächter u. Hund u. Schlösser, ist wahrhaft niederdrückend; mir ist, wie wenn ich an dem Haus gar keine Freude mehr haben könnte! Doch in Momenten ruhiger Überlegung sage ich mir, daß doch gewiß auch hier, wie im Leben überhaupt, die Zeit uns darüber hinbringen wird, u. vor Allem die Ansprüche, die von Außen an einem gemacht werden u. durch die man sich selbst entzogen Das ist ja schrecklich, was Sie mir über die Oschamann schreiben u. ist doch noch viel schlimmer, als was uns passirt ist. Ich lasse mich jetzt massiren, es geht aber nur sehr langsam vorwärts. Auch Marie leidet noch immer, Eugeniens Befinden hat natürlich auch einen harten Stoß wieder bekommen, u. so sieht es eben trüb genug aus u. man muß recht mit sich raisonniren, daß man sich dem Grübeln nicht ergibt. Marie ist moralisch meine Stütze, da sie die Sache ruhig nimmt u. selbst heiter momentan sein kann. Wir glauben übrigens, daß die Räuber eine wohlorganisirte Diebesbande u. von Außen hereingekommen war, was auch die Polizei meinte. Ich habe viele theilnehmende Briefe zu beantworten u. schließe daher, indem ich Ihnen Beiden nochmals innigst danke u. Sie liebes Lies’l von ganzem Herzen umarme als
Ihre alte
Clara Schumann.

P.S. Sollte ich Ihnen auf Ihren lieben Brief von 5ten noch nicht gedankt haben, so thue ich es hiermit, durch ihn wurde mir die so sehr erwünschte Klarheit über Ihre nächsten Pläne u. neue Hoffnung für Ihr Kommen. Mit Hanslik, das ist eine mißliche Sache – doch darüber später mündlich, es hätte schon Viel für sich, wenn mal erst das Material geordnet ist. –

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
574ff.
 



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