19.12.2019

Briefe



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ID: 21045 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 23.01.1890
 

Frankfurt a/M d. 23 Jan. 1890.

Meine liebe Lisl,

wie haben Sie und Ihr lieber Mann mich erfreut durch Ihre Briefe – wie Sonnenstrahlen kamen <> sie mir in recht düstre Zeit, und herzinnig danke ich Ihnen dafür! wie sehe ich Sie Beide immer in jedem Ihrer Worte, fühle sie wie ein sanftes Streicheln, so wohlthuend, balsamisch. Längst schon hätte ich Ihnen die Hand gedrückt, aber, ich armer Kerl, liege nun schon vier Wochen an der Influenza, die mich, obgleich sie für meine Kinder nicht besorgnißerregend war, so mitgenommen hat, daß, wenn ich ab und zu aufstehe, ich kaum über das Zimmer gehen kann, gleich wieder todt-matt auf einen Stuhl sinke, und solch eine Niedergeschlagenheit über mir liegt, wie ich nie im Leben empfunden. In all dieser Zeit kam nun auch ein Schlag auf den anderen; außer dem härtesten, den Verlust des ältesten, treuesten Freundes Bendemann, über den sie mir so theilnemend schrieben, starben noch vier langjährige Freundinnen, so daß das arme Herz gar nicht mehr aufzuathmen wagt. Wie verwaist man im Alter, und wie mit allen Fasern des Herzens klammert man sich an die Lieben, die Einem noch bleiben, die Kinder, die Freunde! So bleiben Sie mir denn nur ja gut und so liebreich gesinnt, wie bisher. – Wie hat alles, was Sie mir über Borwick sagten, mich erfreut! ach ja, es hängt an so einem Schüler doch ein Stück des eigendsten Leben, welche Genugthuung dies dann von denen erkannt zu sehen, die Einem als höchstes Publikum gelten! Ich kann mich nicht so recht ausdrücken – bin noch so schwach, daß mir das Denken schwer wird – oft fühle ich mich, als wäre es das Ende. Was Sie über Stockh. schrieben ist so ganz das, was ich seit langer Zeit mit wenig Ausnahmen, empfinde, wenn er singt. Sie haben recht, das Experementiren ist nicht richtig (das ist wohl die Frau), denn er findet doch nicht überall ein so pietätvolles Publicum wie in Berlin. Es ist aber jammervoll wenn ein Künstler das Mitleid des Publicums herausfordert! Meine liebe Lisl, lassen Sie mich wissen, wie es Ihnen und dem theueren Gatten geht? was alles wünsche ich Ihnen, Sie Liebe, Gute, und ihm! wie mag es jetzt mit dem fatalen Leiden gehen? wenn werden wir uns wiedersehen, ob überhaupt? Sie sehen es <steht> sieht trübe in mir aus – ach, ich möchte doch so gern noch etwas leben,
Ihre alte treue Clara Sch.

Die Kinder sind wohl und mir Schutz u. Trost
Ueber das Vervielfältigen der Photog. schreibe ich später ’mal dem lieben Manne. Wo ist Ihre theuere Mutter?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
730f.
 



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