19.12.2019

Briefe



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ID: 21050 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 31.10.1885
 

Frankf. d. 31 Oct 85.

Liebes Lisl und lieber Herzogenberg

durch Dieses empfehle ich Ihnen Beiden zwei nette Leute, die eben nach Berlin übersiedeln, Herr Hans Müller (Sohn des Wolfgang) u. seine Frau. Ich wünsche den Beiden so sehr Ihre Bekanntschaft, sie sprachen mich aber auch gestern darum an, u. frugen, ob ich wohl ein Wort ihnen an Sie mitgeben könnte. Eben hat mir Brahms, der bei uns ist, Ihren reizenden Brief über die Symphonie mitgetheilt – leider ist hier jetzt Niemand, der sie mit ihm mir vorspielen könnteda wir sie nicht haben, – ich selbst muß mich so sehr vor derartigen Anstrengungen in Acht nehmen! Dienstag hören wir sie, aber ach, nur ein Mal, was ist das für so ein Werk! sie muß ja wieder herrlich sein. Bis jetzt, Mittags, ist sie noch nicht gekommen. Ich habe schwere Tage gehabt, und bin noch sehr unter dem Drucke. Mein armer Bruder Alwin starb vor 10 Tagen nach schwerem Leiden. Er war mein letzter rechter Bruder, und wenn auch etwas sonderbar, doch ein nobler, durch und durch guter Mensch, hing mit vieler Liebe an mir, und in seinem Fache war er tüchtig wie Einer. So geht Eines nach dem Anderen, bis es ganz zu Ende geht mit Einem selbst. Ich lege Ihnen hier eine Photographie v. d. Büste v. Hildeb. bei, es wird ja schlecht nach einem Gyps <> Modell, aber Sie werden doch ohngefähr die Arbeit beurtheilen, oder vielmehr die Aehnlichkeit. Ich will 2 Abzüge beilegen, sagen Sie mir gelegentlich, welchen Sie besser finden. Man erschrickt eigentlich erst über die Männlichkeit, finden Sie nicht? im Ton war dies ganz anders. Der liebe Künstler, wie oft denke ich an ihn, hätte ihm so gern schon längst auf einen lieben Brief geantwortet, aber es war zu viel was die ganze letzte Zeit brachte, u. immer mußte ich meinen Arm schonen. Gestern spielte ich zum ersten Male öffentlich, es ging sehr gut, ich wurde aber Mittags vorher so unwohl, daß ich noch zum Doctor schicken mußte. Heute geht es besser, u. mit dem Arm thue ich mir ein Bene daß ich ihnen eigenhändig schreibe.
Addieu, Sie Lieben, Beiden. Bleiben Sie gut Ihrer
treuen aber
recht betrübten
Clara Schumann.

Die Photographien können Sie an sich behalten bis zu Gelegenheit, das blasse etwas Verschwommene können Sie behalten.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Heinrich u. Elisabeth von (2429)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
613ff.
 



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