19.12.2019

Briefe



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ID: 21053 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 20.11.1884
 

Frankfurt a/m 20 Nov. 1884.

Lieber Herzogenberg!

Noch habe ich Ihren lieben Brief, den ich mit so eigner Rührung gelesen, nicht beantwortet, ich möchte aber meinen Dank dafür nicht länger aufschieben, wenngleich ich, wie Sie sehen, nicht eigenhändig schreiben kann. Ich habe mich vorige Woche mit Robert’s fis moll Sonate wohl übermüdet, obgleich ich herrlich <>disponirt war u. keine Spur von Anstrengung empfand. Es geht mir jetzt immer so, daß ich im Moment des Spielens keine Anstrengung empfinde, aber daß es nachkömmt. Die Schmerzen sind doch| so heftig, daß ich mich anfange zu beunruhigen wegen Leipzig; es wäre mir doch schrecklich, müßte ich nach all dem „Hin- u. Her“ schließlich abschreiben. Liesl schrieb neulich, <S>sie verstehe nicht recht meine Absage, aber wenn Sie darüber nachdenken, so müssen Sie doch finden, daß ich Recht hatte. Ich war zu einem Einweihungs-Concert eingeladen, kann doch aber nur die drei Zusammenhängenden so nennen, das sogenannte Vierte ist nur ein gewöhnliches Abonnements-Concert und, wollte man mich einmal dabei haben, so konnte ich als älteste Künstlerin, sowie als Leipziger Kind, wohl Anspruch machen in dem ersten Solisten-Concert mitzuwirken. Joachim’s Mitwirkung ist kein Hinderniß, auf Musikfesten spielen sehr oft zwei Instrumental-Solisten an einem Abend. Die Herren scheinen es auch sofort eingesehen zu haben u. haben es nun so arrangirt, daß ich am 13ten spiele. Ich glaube, sie haben, Joachim u. mich, jedes für ein anderes Concert haben wollen, der Einnahmen halber. Von Dr. Fiedler erhielt ich gestern Brief, daß Hildebrand am 23ten kömmt, wenn ich nur bis dahin wieder spielen kann, da er doch gern will, daß ich ihm spielend sitze. So will ich denn hoffen, <d>Sie lieben Beide am 8ten Dezember wiederzusehen, wenngleich mir der Gedanke an eine Eisenbahnfahrt, nach dem schrecklichen Unglück neulich hier, noch entsetzlich ist. Denken Sie, daß meine Schülerin Fromm, die zur Vorbereitung für London bei uns zu Besuch war, sich auf diesem Zuge befand u. wie durch ein Wunder mit noch ein Paar Damen unverletzt blieb. Sie hatte in Fulda im Concert gespielt. Der Schreck war furchtbar u. die einzelnen Vorgänge, die sie erlebt, <g>Grausen erregend! Ich fühle mich noch immer ganz erschüttert davon. Nochmals dankend für Ihre freundl. Besorgung u. mit herzlichsten Grüßen Ihre Ihnen Beiden
warm ergebene
Clara Schumann.

Erfahre ich wohl ’mal meine Schuld an Sie? bitte.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
556ff.
 



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