19.12.2019

Briefe



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ID: 21091 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 25.11.1854
 

Berlin d. 25 Nov. Abends

Lieber, verehrter Joachim,

seyen Sie mir fürs Erste herzlichst gegrüßt! aber ich wollte, ich wäre schon wieder fort, denn gar schlecht passe ich in dies Getreibe hier. Man bekömmt hier wahrhaftig Widerwillen gegen alles Concerte geben, wenn man ihn nicht schon hätte, und noch dazu muß man sich den gemeinsten Menschen in die Hände geben, Bock oder Schlesinger, Einer so schlimm wie der Andere! Sie glauben nicht, wie bitter es mir war, nach dem herrlichen Abend und Morgen mit Ihnen und Brahms hier in ein wahres Labyrinth von Gemeinheiten, Intriguen, Neid zu gerathen; ich habe gestern Abend wahrhaftig bittere Thränen geweint, daß ich mit meinem Herzen, das so erfüllt ist von der herrlichsten Kunst, unter solch Volk muß! es überfällt mich dann ordentlich eine Scham, daß ich Künstlerin von ihnen mich heißen lassen muß, und dann auch wie Andere nach Verdienst gehen muß. Ueberhaupt, Sie glauben gar nicht, wie schwer mir jetzt doch das öffentlich Spielen wird, nie kannte ich das Gefühl so wie jetzt, wie schrecklich es ist für Geld einem ganzen Publikum seine heiligsten, reinsten Empfindungen zeigen zu müssen, und hätte ich nicht Pflichten für meine Kinder, ich könnte es wahrhaftig nicht. Glauben Sie aber ja nicht, liebster Freund, daß mir Schreckliches passiert sey, ach nein, aber ich kam so beglückt und erwärmt von Hannover, daß mich die Luft hier ordentlich <> eisig berührt. Nun aber zur Hauptsache, leider! lieber käme ich zu Ihnen nach Hannover und musicierte mit Ihnen drei Abende und Tage nacheinander und viel mehr noch, als hier Einen. Drei Soireen zu geben ist unmöglich, indem <> nur Eine vor dem 9ten und Zwei nach dem 9ten sein könnten! vor dem 9ten ist nur Eine möglich, weil den 28ten Nov. die Vermählungsfeyerlichkeiten bei Hofe anfangen, und dann vier Tage an kein Concertgeben zu denken ist. So habe ich denn gedacht wir lassen es bei zwei Soireen vom 11ten bis etwa 16–17 Dec. – nach der Zeit rückt Weihnachten zu nahe, dann geht es nicht mehr. Es wird Ihnen wohl so recht seyn? mein Bruder will nun durchaus, ich soll vor dem 9ten, etwa d. 4 oder 5ten ein Concert mit Orchester geben, doch habe ich gar keine Lust, und gehe vielleicht lieber nach Breslau und Stettin8 ect. Gelegenheit mit Orchester zu spielen finde ich gar nicht, wenn ich nicht selbst ein Concert riskire. Sie können Sich wohl auch denken, daß mir die letzten Nachrichten, von meinem geliebten Robert recht viel von der, mir so nöthigen, Ruhe genommen haben, und ich in großer Erregtheit der nächsten Nachrichten harre. – Die Meinigen fand ich recht wohl hier, nur meinen Bruder nicht so heiter, wie ich es wünschte! Ich habe eine hübsche Wohnung ganz in der Nähe von Grimms, in der Leipziger Straße 109a 1 Treppe hoch; was meinen Sie, möchten Sie nun doch eine Private Wohnung? oder wollen Sie nun bei Grimm bleiben? – Mendelssohns haben mich recht freundlich aufgenommen – zu ihnen werde ich wohl manchmal gehen! – Es thut mir so unendlich leid daß Bettina nicht da ist! das hatten Sie mir gar nicht gesagt. Morgen will ich Besuch bei Grimms machen, und dann auch nach dem bewußten Flacon fragen. Nächster Tage will ich einmal das Programm zur ersten Soiree aufsetzen, und hole mir dann Ihr Gutachten. Mein Instrument ist angekommen, wäre ich nur nicht hier. Ach, lieber Joachim, runzeln Sie nur nicht die Stirn über mich, es ist mir doch manchmal gar so weh um’s Herz, aber kommen Sie nur, Sie sollen mich dann schon wieder muthig und thatkräftig finden, überhaupt mit Ihnen wird’s mir dann doch herrlich sein zu musicieren, und dann bilden wir uns ein, wir machten für uns allein Musik. Wollen Sie Herrn Grimm herzlich grüßen. Mein Bruder trägt mir auch das Schönste an Sie auf. Von seinen neuen Compositionen habe ich noch nichts gesehen – wir sind bis jetzt nur immer im furchtbarsten Wetter in der Stadt umher. Nun, mein theuerer Freund, lassen Sie Sich noch die Hand drücken und seyen Sie in innigster Verehrung gegrüßt von Ihrer Clara Schumann.

NB: So eben besuchte mich Herr Friedländer, und redete mir doch zu drei Soireen zu, wenn auch die Dritte erst am 18 Dec. stattfinden könne, das sey nicht so viel Schaden. So denke ich denn die erste d. 11ten, die 2te den 14ten und die dritte d. 18ten. Wäre es Ihnen recht, die dritte mit Orchester zu geben? die Leute wollen hier durchaus gern das Beethoven’sche Concert von Ihnen hören. Wollen Sie das? schreiben Sie mir ein Wort darüber. Ich glaube, ich gehe Dienstag oder Mittwoch nach Breslau, komme dann aber bis zum 5ten oder 6 Dec. wieder zurück. Es ist noch nicht bestimmt. Heute will ich zur Symphonie Soiree: Gade’s 4te Symphonie, Ouvertüren zu Titus und Jessonda und F dur von Beethoven.
Addio, lieber Joachim! –

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
152-155
 



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