19.12.2019

Briefe



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ID: 21095 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 20.05.1860
 

Hamburg d. 20 Mai 1860

Lieber Joachim,

jeden Tag dachte ich immer noch, Sie würden uns überraschen, Sie hätten hier so schön üben können (am Vormittag sind wir fleißig, und bekümmert sich Keines um das Andere) und hätten am Nachmittag, wenn Sie es nämlich erlaubt hätten, dankbare Zuhörer gehabt! – Nun, Ende dieser Woche sehe ich Sie, wills Gott in Hannover! warum glauben Sie denn nicht an mein Dahinkommen? glauben Sie denn, ich brächte es übers Herz, wenn Sie in Hannover sind, danebenhin zu reisen? Ich wollte Ihnen einen Vorschlag machen! ich hörte durch Frl. Leser, daß Sie erst am 28ten nach Düsseld. kämen, am 27ten beim König sein müßten, komme ich nun, wie es meine Absicht war, am 25ten <> und der König will mich hören, so müssen Sie dann zwei Mal nach einander spielen, das thut mir leid. Thue ich Ihnen nun einen Gefallen damit, so richte ich mich auch auf d. 27ten, und wir reisen dann d. 28ten zusammen nach Düsseld. Sagen Sie mir ganz offen, ob Ihnen das lieb? Ich brenne nicht so auf das Musikfest, daß ich nicht viel lieber Ihnen einen Gefallen thäte! dem König ist’s dann vielleicht auch eine kleine Ueberraschung!? – Bitte, sagen Sie mir <> wie es Ihnen am liebsten. Johannes hat Ihnen wohl wegen Zwickau geschrieben? ich meine Sie schreiben ab, und sagen mit wenig Worten (so fein, wie Sie es ja können) daß Sie ein solches Fest, für <solch> einen Künstler, der nur das Edelste und Schönste in der Kunst gewollt, nicht in Gemeinschaft einer Gesellschaft (Bande, sagte ich lieber) begehen könnten, die dem Verstorbenen in künstlerischer Hinsicht so schroff gegenüber stünde ect. ect. Sie wissen ja Alles besser. Wie ginge das auch! erst feyern, dann feuern! An Woldemar hab ich auch deshalb geschrieben. Mich aber lassen Sie ganz aus dem Spiele, Sie sagen ja nicht „Nein“ aus Rücksicht gegen mich, sondern gegen Robert und Sich selbst. Wie freut mich das mit Härtels u Johannes. Noch immer weiß ich nicht, ob Sie Ihr Concert in Düsseld. spielen? Denken Sie noch an eine mögliche Probe in Hannover? Das Frühjahr ist herrlich hier, die Nachtigallen schlagen so wundervoll, am wonnigsten aber ist Johannes Musik! und seine liebenswürdige Stimmung macht mir den Aufenthalt auch sonst so schön wie möglich. Ich könnte noch Manches sagen, doch, bald sehe ich Sie ja! – Seyen Sie, lieber Freund recht herzlich gegrüßt von
Ihrer
getreuen
Cl. Sch.

Schreiben Sie bald, bitte! – Hôtel Petersburg.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Hamburg
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
523ff
 



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