25.02.2022

Briefe



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ID: 21096
Geschrieben am: Dienstag 28.08.1860
 

Kreuznach d. 28 Aug 1860

Lieber Joachim,

auch ich habe eigentlich gar Wenig mitzutheilen, denn hier geht Alles im alten Geleise, muß Ihnen aber doch sagen, wie sehr mich’s freut, daß Sie Alles so nett und wöhnlich [sic] zu Haus gefunden. Ich hoffe aber dennoch, daß schönes Wetter (es scheint sich jetzt einrichten zu wollen) Sie noch ’mal in den Harz lockt. Meine Reisegedanken schweifen noch immer nach rechts und links, ich selbst bleibe aber zu guter letzt wahrscheinlich in der Mitte, hier in Kreuznach sitzen. Ich habe sehr viel zu thuen, namentlich aber so Vieles über die Kinder zu beschließen, daß mir der Sinn für Andres jetzt fehlt; die Sorgen drücken mein Gemüth ganz darnieder, und <> darunter leidet der Körper natürlich auch. Eine Sorge, mit Elisen, ist mir aber gestern vom Herzen genommen; die Dame hier in der Nähe, von Der ich Ihnen sagte, hat mich abermals um Elise gebeten; ich war bei Ihr (es ist 2 1/2 Stunden von hier, tief im Walde, eine Eisenschmelzerei) und fand einen so schönen Familienkreis, bei allem Reichthum eine solche Einfachheit und Gemüthlichkeit, daß ich leichter als früher mich entschloß, Elise dorthin zu geben. Ich habe Ihr natürlich die Sache ganz freigestellt, sie fürchtet aber die Einsamkeit nicht, und übrigens lasse ich sie alle Monate einmal zum Concert nach Cöln reisen, dort bleibt sie dann immer einen Tag, hat eine Clavier und eine Theoriestunde beim Woldemar und eine Ensemblestunde bei Königslöw. So wird Ihr denn auch musikal Anregung nicht fehlen. Die Trennung wird mir aber doch schweren Kampf noch kosten. Es ist <doch> wunderbar! glaubt man auch zuweilen, es wäre Einem ein Kind sympathischer durch seinen Charakter, oder Geistesrichtung, so fühlt man doch, gilt es ihr Glück, oder nur, ihnen Freude zu machen, wie Einem Jedes gleich theuer. Mit Julie kann ich mich wegen Hamburg noch nicht entschließen, und habe mich noch an andern Orten erkundigt. In Hamburg ist es schlimm mit dem Clavier-Unterricht; ist sie einmal dort, so möchte ich doch Johannes unterrichtete sie, wie soll ich das aber machen? für Nichts will ich seine Zeit Ihm nicht rauben, und doch fürchte ich, er würde Nichts für die Stunden annehmen. Freunden aber mit meinen Kindern zur Last zu fallen, ist mir der aller peinigendste Gedanke. Mit Schrecken sehe ich aber, daß, indem ich dies sage, Sie bereits einen Bogen lang von nichts als ihnen unterhalten habe – da will ich denn aber auch gleich einen Punkt machen. Ich muß ihnen doch <noch> erzählen, daß wir in Frankfurth an dem Abend doch die Goßmann sahen – ich hatte durch Schmidt noch sehr gute Plätze bekommen, freilich mußten wir uns bei Oeffnung des Theaters mit allen Kräfften hinein drängen, sonst wären wir, Gott weiß wohin gekommen. Wir hatten viel Freude an der Vorstellung, die Goßmann war reizend. So hat uns ein glücklicher Zufall vor einem sehr traurigem, einsamen Abend bewahrt. Sie vermutheten das gewiß, sonst hätten Sie mich wohl nicht an dem Abend verlassen! – Frau Detmold besuchte mich neulich – heute will ich zu Ihr gehen. Sie brachte neulich den Achim mit – ein sehr netter Junge. Bitte, lieber Joachim, theilen Sie mir doch Härtels Antwort gleich mit, Sie wissen ja, wie mich das interressirt. Ich denke nächsten Montag oder Dienstag die Kleinen selbst nach Berlin zu bringen, da ich jedoch der Kinder wegen Nachts fahre, so werde ich Sie nicht sehen. Ich bleibe wohl 3–4 Tage dort, habe sehr Vieles zu besorgen, und will dann aber am Tage zurück reisen, sehe Sie also hoffentlich in Hannover wenigstens ein viertel Stündchen. Sollten Sie nach dem Harz reisen, bitte, so schreiben Sie es mir, dann reise ich mit dem Nachtzug, wenn ich Sie doch nicht sehen kann. Ich gehe höchst wahrscheinlich wieder hierher zurück. Meine <z> Kinder und Alle grüßen Sie sehr, ich, wie immer in alter treuer Freundschaft
Ihre
Cl. Sch.

Was haben Sie mit Wien beschlossen?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Kreuznach
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
543-546

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6393-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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