25.02.2022

Briefe



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ID: 21100
Geschrieben am: Freitag 14.03.1862
 

Paris d. 14 März 1862.

Lieber Joachim,

Sie sehen mich wirklich hier in Paris – die Aufforderungen waren so dringend, daß ich mich schnell entschloß, und nun bereits schon 8 Tage hier bin. Ihren lieben Gruß hätte ich schon eher beantwortet, ich wußte aber nicht recht was ich Ihnen wegen England sagen sollte. Ich ginge schon gern dahin auf 5–6 Wochen, aber mein Entschluß würde eben nur davon abhängen, ob ich Engagements genug hätte – für Einige, wie voriges Mal wo ich dann abschrieb, kann ich die Reise doch nicht unternehmen, hätte ich aber z. B. 10–12 Engagements für die 6 Wochen von Ostern bis Anfang Juni, dann käme ich schon. Hier habe ich meine erste Soiree am 20ten bei Érard’s, die Alles für mich thuen, was sie können. Ich habe mit den Concert-Arrangements nichts zu thuen, und bin äußerst freundlich von Allen aufgenommen. Augenblicklich ist auch Stockhausen hier, reist aber leider schon Sonntag ab – er kam nur zu einer Zahnoperation. Gar zu gern möchte er die zwei Jahr, wo Sie um Urlaub gebeten (wie mir Johannes schrieb) Ihre Stelle einnehmen, und will Ihnen darüber schreiben. Ich habe Ihn in der Schweiz dirigieren sehen, mir scheint er hat viel Talent dazu, hat mir auch ein Concert begleitet, sehr gewandt im Nachgeben ect. jedoch möchte er wohl gar zu schweren Stand gerade in Hannover haben!!! Haben Sie denn vom König Antwort erhalten? Johannes schreibt mir auch von einem Ständchen, das der König erhalten ect. ich verstand es nicht recht. Gehen Sie gar nicht wieder nach Hannover zurück? Sie bleiben wohl den ganzen Sommer in England? so sagte mir Hiller. Leider kam ich zwei Tage nach Ihrem Dortseyn dahin. Sie haben wie gewöhnlich die Menschen hingerissen. Daß es Ihnen in London so wöhnlich freut mich sehr, spielen Sie nur nicht zu viel, lieber nicht <> éunterù 20 oder 25 Guineen, und seltner, dabei bleiben Sie frischer und verdienen eben so viel. Ich habe eine schöne Zeit in der Schweiz verlebt, viel mit Kirchner musiciert, was mir doch große Freude gemacht. Man muß sich an sein Wesen erst gewöhnen, dann aber gewinnt man Ihn lieber – er ist eine durch u durch musikalische Natur, und ein <> geistreicher Mensch. Es thut mir leid, daß Sie Ihn so wenig kennen, Sie möchten Ihn sicher auch lieber. Ich wollte Sie erzählten mir bald von Alledem, wovon Sie mir die Andeutungen geben! Dazu werden Sie nun aber wohl nicht kommen? Von uns kann ich Ihnen so weit ziemlich Gutes sagen, nachdem ich freilich wegen Julie schwere Sorgen durchgemacht. Es hatte sie die Reise zu sehr angestrengt, und bekam sie eine nervöse Anspannung, so daß sie drei Wochen lag, es geht ihr aber jetzt wieder gut, nur muß sie sich sehr schonen, sehr regelmäßig leben. Sehen Sie, ich hatte doch Recht, als ich sagte, sie sey noch zu jung und zart, um solch eine Lebensweise ertragen zu können, sie flehte aber so, und ich war leider wieder ’mal zu schwach. Sie ist nun zu Haus geblieben, und Marie mit mir, die Sie schönstens grüßt. Was die Herausgabe Ihrer Bearbeitung des Abendlied betrifft, so wissen Sie, daß ich dazu nur mit Freuden meine Zustimmung geben kann, übrigens aber bedurften Sie derselben nicht. Eine Frage noch: in einem der Mozartschen Concerte, welche Sie mir schenkten sah ich neulich zu meinem Schrecken, daß zwei Seiten doppelt, Zweie aber dafür fehlen; ich möchte deshalb schreiben, sagen Sie mir nur an Wem? direct an André oder durch den <Verleger> Händler, welcher sie Ihnen besorgt hat? es ist gerade im C moll Concert.
Nun leben Sie wohl; grüßen Sie Benson’s wenn Sie sie sehen, und können Sie, so erfreuen Sie bald wieder
Ihre herzlich ergeb
Clara Sch.

P.S. Adresse: 16, Rue d’Antin, Hôtel des états unis.
Mir fällt noch ein: glauben Sie daß Benson’s noch daran denken, mich bei sich aufzunehmen, wenn ich dahin käme? haben sie vielleicht etwas davon erwähnt?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Paris
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
656-659

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6431-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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