19.12.2019

Briefe



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ID: 21567 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 19.01.1892
 

Frankfurt a/M. 19.1.92. Abends.

Liebe Antonie,
Meine Gedanken waren heute so viel bei Euch, daß ich das Bedürfnis fühle, noch einige Worte an Dich zu richten, die natürlich auch Deinem lieben Mann mitgelten. Es war ein sehr bewegter Tag für Euch! Der Himmel gebe seinen Segen dem jungen Paar! Wie muß Euch die plötzli-che Ruhe im Haus merkwürdig vorkommen! Sie mag Dir aber |2| recht nötig sein. Welch bewegte Zeit möget Ihr jetzt durchgemacht haben! Ich denke immer darüber nach, wohin das junge Paar wohl gereist sein mag. Für die Eltern mag es recht hart gewesen sein, der Trauung nicht bei-wohnen zu können. Aber welche Freude ist es für dieselben, das liebe junge Paar in Zukunft so nahe zu haben!
Mit Freude habe ich aus Euren Briefen gesehen, wie gern Ihr Euer jetziges Heim habt; möge das Gefühl der Befriedigung Euch recht lange erhalten bleiben, und so |3| will ich denn auch gleich hier meine wärmsten Wünsche für das neue Jahr Euch aussprechen. Meine Glück-wünsche hätten längst kommen müssen, auch hätte ich solche den lie-ben Eltern so gern gesandt, ich habe aber das neue Jahr recht traurig begonnen, habe bei Sommerhoffs, wo wir zu Tisch waren, einen schwe-ren Fall über den Teppich gethan und leide noch jetzt viel an den Folgen der Muskelverzerrungen. Der Arm, den ich mir verstaucht hatte, ist so von Neuralgie heimgesucht, daß ich, besonders des Nachts, oft große Schmerzen aushalte, |4| und natürlich nichts mit dem Arme, der der rechte ist, thun kann, Die große Erschütterung des Falles hat natürlich meine Nerven und meinen gichtischen Reumatismus sehr in Aufruhr gebracht, und bin ich dadurch verurteilt viel zu liegen, und kann nur ab und zu einen Brief dictieren. Julie Sohnmann, die jetzt wieder bei uns ist, vertritt oft Sekräterin-Stelle.
Ein sehr trauriger Verlust hat uns getroffen durch den Tod der Frau v. Herzogenberg, die in San Remo an einem furchtbaren Herzleiden |5| verschied. Ich fasse es noch garnicht und kann mir nicht denken, daß der Mann sie lange überleben wird. Es gab wohl selten ein Paar, daß, seelisch wie geistig, so miteinander verschmolzen war. Dieser Fall hat uns tief getroffen; ihr Anblick war uns immer wie ein Sonnenstrahl. Ich weiß nicht, ob Ihr sie gekannt habt; jedenfalls habt Ihr aber von ihr und ihm gehört! Und denke Dir das furchtbar Tragische, daß acht Tage vor ihrem Tode ihre Mutter, mit der |6| sie aufs innigste verbunden waren, in Florenz starb. Man konnte ihr den Tod nicht mehr mitteilen. Ich bin recht ausführlich geworden, liebe Antonie, ich weiß aber ja, wie Ihr Teil an mir nehmt.
Bitte sage Deinen Eltern meine treuesten Wünsche zum neuen Jahr und sie mögen es mir nicht anrechnen, wenn ich ihnen nicht schreibe, aber ich habe ja wenig gute Stunden und da bringt man zur Neujahres-zeit wenig fertig. Miss Wild lasse ich für ihre lieben Wünsche auch dan-ken und erwidere sie von Herzen.
So lebt denn wohl und gedenkt auch fernerhin
Euerer getreuen
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Speyer, Antonie (2980)
  Empfangsort: Recgate / Surrey
 



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