19.12.2019

Briefe



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ID: 21568 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 07.01.1893
 

Frankfurt 7 Januar 1893.

Liebe Antonie,
viel länger bin ich dir meinen Dank für deinen lieben Brief schuldig ge-blieben als ich gewollt, aber bei mir häuft sich doch immer so Vieles, obgleich ich doch eigentlich beinah abgetreten bin vom Schauplatze.
Ich habe mit grösstem Interesse alles gelesen, was du mir über Euch geschrieben hast, leider erfuhr ich erst durch dich von der Krankheit deiner lieben Eltern; daß die Mutter leidend war, hörte ich von Sophie, aber daß auch der Vater euch Sorge machte, hatte ich keine Ahnung, und wie leid thut es mir, daß auch das junge Ehepaar schon von Sorgen heimgesucht wurde. Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mir |2| nur einmal auf einer Postkarte gesundheitliche Nachrichten über alle gäbest. Der Mama wollt ich immer schreiben, und kam auch dazu noch nicht, es ist eben zu viel was man möchte, und nicht erzwingen kann, wenn man so alt wird,
Deinem Mann laße ich auch herzlich danken für seinen freundlichen Brief. Wie nett muß euer musikalisches Zusammenleben mit Piatti ge-wesen sein, wie mag Ferdinand stolz gewesen sein auf solches Lob! Auch deine häuslichen Berichte hab ich mit vieler Theilnahme gelesen. Möchtet ihr doch bald finden, was ihr sucht und vor Allem auch |3| eure Häuser hier verkaufen. So hat eben jeder seine großen Sorgen!
Von mir kann ich dir in so weit Gutes sagen, als ich doch viel kräfti-ger bin als wie im vorigen Jahr, aber geplagt bin ich doch sehr mit aller-lei körperlichen Leiden, die auch nie mehr weichen werden. Ich unter-richte wieder, und spiele auch fast täglich, und jetzt seit einigen Wo-chen mit wahrer Begeisterung die neuen Brahms’schen Stücke, die dei-nen Papa gewiß auch begeistern werden; man muß sie aber ernsthaft studieren, um sich ganz hinein zu leben. Ich meine sie gehörten zu den reichsten Schätzen der Clavierlitertur. Leidenschaft, Träumerei, Poesie. Alles |4| ist darin, und die Form, ein jedes Stück, vollendet, dabei voll der wunderbarsten Klangschönheiten.
Das neue Jahr hat mir viele Pflichten gebracht, daher ich oft diktire um meinen Arm nicht zu übermüden, dies entschuldigt mich gewiß bei dir, daß ich nicht eigenhändig schreibe.
Schliesslich nimm mit all den lieben Deinen, meine und Mariens wärmste Wünsche zum neuen Jahr. Möge Trübes euch fern bleiben.
Von Herzen Deine
Clara Schumann.

Was du mir von Borwick geschrieben hat mich herzlich gefreut. Wenn du mir wieder schreibst dann erzähle mir doch auch von deinen Kindern, das hab ich vermisst.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Speyer, Antonie (2980)
  Empfangsort: Recgate / Surrey
 



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