19.12.2019

Briefe



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ID: 21570 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 10.10.1893
 

Frankfurt a/M d. 10 Octbr 93

Liebe Antonie,

wie soll ich Euch danken für den reizenden Geburtstaggruß, den Ihr mir gesandt. Unwillkürlich dachte ich bei’m Lesen desselben an Deines Pa-pa‘s beliebten Nachsatz: Hipp, Hipp, Hipp! Hätten wir doch beisammen sein können, wie gern hätte ich Euch Alle ‘mal so gesehen! Wie wird man durch die langen Trennungen |2| so einsam! wie traurig empfinde ich das bei dem Gedanken an Deine theueren Eltern besonders, die mir so alte Freunde sind, und mit denen ich ja nur noch in der Erinnerung lebe. –
Euer neues home soll ja so reizend sein, und Ihr so glücklich darin – wie freut mich das! Und, so viel Musik macht Ihr immer! Borwick ist wohl viel bei Euch, und, macht er seine Sache gut? hat er dem Papa vor- |3|gespielt? leider höre ich von ihm direct nie, wäre nicht sein Vater, der, trotz seiner Geschäfte Zeit findet mir ab und zu zu schreiben, ich wüßte kaum, daß er lebt.
Wir haben schöne Zeit in Interlaken erlebt, und Alle finden ich sehe erholt aus, leider nur fühle ich die körperlichen Leiden eher mehr als weniger jetzt. Gott sei Dank kann ich mit aller Frische unterrichten, |4| und, das Gefühl, täglich noch etwas zu nützen, läßt mich die Leiden leichter tragen. Möge der Himmel mich so gut wie möglich durch den Winter geleiten.
In Interl. haben wir die Freude gehabt Engelmann’s und Hausmann’s zu sehen, leider nur auf kurze Zeit, aber es war denn doch mal eine trauliche Stunde, die wir zusammen zubrachten. Hausmann hatte große Lust sich am Thuner See ein Haus zu bauen! - |5| Gern plauderte ich fort, aber, ich darf wegen meiner nervösen Rückenschmerzen nicht viel schreiben. Willst Du, bitte, Deine lieben Eltern sehr herzlich von mir grüßen (wie mag es der theueren Mama gehen?) und Allen, die sich an dem Geburtstaggruß betheiligt, danken; Marie grüßt sehr und ich drücke Dir und Deinem lieben Mann von Herzen die Hand.
Deine alte Clara Sch.

|6| P.S. Ich schreibe gern ‘mal wieder an die Mama, aber ich fürchte, es beunruhigt sie der Gedanke an eine Antwort! laß mich doch bald ‘mal etwas von ihr wissen, bitte. Auch von dem jungen Paar wüßte ich gern, und von jedem Deiner Kinder. Auf dem Land findet man doch eher ‘mal Zeit zu einem ausführlichen Brief! ich lebe so gern im Geiste mit lieben alten Freunden.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Speyer, Antonie (2980)
  Empfangsort: Shenley / Herts
 



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