19.12.2019

Briefe



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ID: 21671 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 05.09.1886
 

Meran d. 5 Septbr. Schloß Lebenberg 1886.
Liebes Fräulein,
da wären wir dann in dem heiß ersehnten Meran, aber wie fühlen wir uns getäuscht! die Hitze ist so colossal, daß wir in Meran selbst nicht aushielten, u. am 3ten Tage hier heraufzogen, wo doch immer ein Luftzug geht, wo es aber sehr einsam ist, dazu an jedem Spatziergang mangelt; es giebt nur die steilsten u. holperichsten Wege von einem Bauernhause zu dem Anderen, für mich also nichts, als ein kühles Plätzchen zum Sitzen. In Meran selbst waren alle Häuser leer, kein einziger Mensch da, im Hôtel eben so – ich glaube, wir wurden förmlich angestaunt! solche Hitze, wie wir sie seit 8 Tagen haben, habe ich, glaube ich, nie erlebt. Nach langem Hin u. Her haben wir uns jetzt eben entschlossen, morgen nach Brunneck u. Niederndorf zu reisen, wo es jedenfalls kühler ist, u. was wir schon früher gern kennen lernen wollten, dann nach Insbruck [sic], über Voralberg [sic] nach Bregenz, Constanz, Baden-Baden, wo wir gern am 12ten d. M. eintreffen wollen, d. h. Marie u. Eugenie wünschen es so sehr, weil ich so gern dort bin. –
An Maries Geburtstag waren wir in der aller ungemüthlichsten Lage, im Hôtel, ohne Koffer, weil, wir geglaubt gleich Logie zu finden, so war denn an einen Aufbau nicht zu denken, erst am 2ten geschah dies, aber unsere Stimmung war gedrückt. Das Buch kam noch eben zurecht, u. macht Marie große Freude. Haben Sie Dank, liebes Fräulein, für all Ihre Bemühungen – ich freue mich auch um Ihretwillen des befriedigenden Resultat’s. (Meine Schuld berichtige ich von Baden aus.)
Ich bin leider nicht mehr so wohl, wie in Berchtesg. es mag wohl von der Reise, Hitze u. einiger [sic] Kletterparthien herrühren – das Letztere verträgt mein Rücken nun einmal nicht mehr! –
Ich versuche es immer noch ’mal. Wie schwer gewöhnt sich doch der Mensch an das „Altwerden“! Ein ewiger Kampf ist es, wenn man noch die Lebenslust hat, die Freude an all dem Schönen das die Natur bietet.
Doch genug für heute. Dank nochmals für Alles, liebes, gutes Fräulein! –
Meine Töchter grüßen Sie herzlich, wir Alle Ihre liebe Freundin, und ich bin wie immer
in freundschaftlicher Gesinnung
Ihre
Clara Schumann.

Hildebrand kommt nach München
Hildebrand schrieb mir eben, daß er München vorzöge also gehen wir dorthin., um die Büste dort zu machen, weil ich mich f. Florenz nicht entschließen konnte – ich weiß nicht genau, ob ich Ihnen dies schon mitgetheilt?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Meran
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 14
Briefwechsel Clara Schumanns mit Mathilde Wendt und Malwine Jungius sowie Gustav Wendt / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2011
ISBN: 978-3-86846-025-4
129ff.
 



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