15.07.2019

Briefe



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ID: 21673 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 12.10.1886
 

Düsseldorf 12/10 86.
Liebes Fräulein!
Was müssen Sie gedacht haben, daß ich Ihnen noch nicht dankte für das reizende Geschenk das ich kurz nach meiner Rückkehr nach Frankfurt bekam. Wie ich Ihnen schon oft sagte, hatte ich auch jetzt wieder das Gefühl, daß ich Sie auszanken müßte. Sie haben so viel zu thun, und gewiß so Vieles, was Sie in Ihrer freien Zeit thun möchten, u. da arbeiten Sie dann für mich! Es bedarf wahrlich nicht dieser Zeichen Ihrer Gesinnung, – nun das wissen Sie – es ist nun aber einmal wieder geschehn, u. so drücke ich Ihnen denn dankbarst die Hand. Leider habe ich recht schwere Zeit verlebt, da mir Eugenie in München krank wurde, u. großen Schreck verursachte, – sie hatte Fieber, u. man wußte nicht, was werden würde: Schließlich stellte sich ein Lungencatharr [sic] heraus; ich brachte sie an einem fieberfreien Tag nach Frankfurt, u. jetzt ist sie auf der Besserung, ich für einige Tage hier in Düsseldorf, wo meine Freundin ihren 74sten Geburtstag feierte.
Morgen gehe ich zurück.
Zum Glück war meine Büste fertig; Alle sagen, sie sei, abgesehn von der sprechenden Ähnlichkeit, ein Kunstwerk. Ich denke, ich bin es Hildebrandt wohl schuldig, daß ich die Büste hie u. da ausstelle, u. so dachte ich auch an Berlin.
Ueber meine Gesundheit kann ich Ihnen nicht gerade das Beste sagen, Etwas habe ich immer, woran ich laborire, die Kreuzschmerzen sind
aber erträglich. Meine Thätigkeit habe ich bereits wieder begonnen, u. nun heißt es, fleißig sein! –
In Bezug auf Hildebrandt muß ich Ihnen noch sagen, daß er mir mit jeder Stunde des Zusammenseins lieber geworden ist; er war von einer rührenden Aufmerksamkeit für mich, besonders auch wie Eugenie krank war. Solche Künstlernaturen, überzeugte Naturen, giebt es in unserer Zeit doch gar Wenige mehr! Wie erhebend ist es, so Einen zu sehn, der, fast abgelöst von aller Äußerlichkeit, nur seiner Kunst lebt, nur den Ehrgeiz des Künstlers besitzt, sonst nichts nach Außen fragt – dabei Einen so oft rührt durch die schöne Einfachheit in Allem, u. sein Gemüth. Nun leben Sie wohl, grüßen Sie Ihre liebe Freundin, u. seien Sie versichert der wärmsten Zuneigung
Ihrer
getreuen
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 133f.
 



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