19.12.2019

Briefe



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ID: 21687 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 04.12.1887
 

Frankfurt a/m. 4/12.
Liebes Fräulein!
Haben Sie herzlichen Dank für Ihren lieben, ausführlichen Brief, den ich mit wärmstem Interesse gelesen und den ich wünschte beantworten zu können, wie ich möchte. Statt dessen komme ich mit einer Bitte: Sie haben uns einmal gesagt, daß Sie den Professor des Joachimsthal-Gymnasiums (Kiessling heißt er wohl) gut kennten: Meine Kinder Sommerhof [sic] wünschen für ihre zwei Knaben von 7 und 9 Jahren einen Hauslehrer, möchten einen jungen Mann haben, der etwa wohl die Universität verlassen, und selbst noch zu studiren wünscht, wozu ihm, da die Kinder viel mit den Eltern sind, doch täglich einige Stunden bleiben würden.
Mein Schwiegersohn möchte einen Philologen, keinen Theologen; er muß aus guter Familie sein und fein in seinen Maniren, was für die Kinder ja auch wichtig ist, und mir besonders auch darum, weil ich möchte, daß mein Schwiegersohn an ihm einen angenehmen Gesellschafter fände. Auf den Gehalt kommt es ihm nicht an, wohl aber darauf, daß er die Jungen bis zu Secunda zu bringen, im Stande ist.
Der junge Mann muß etwas von Autorität haben, aber auch von Frische, auf die Lustigkeit, die die Kinder haben, etwas eingehen zu können, natürlich nur, so lange sie sich in den Grenzen bewegt. Schreiben Sie mir, bitte, ob Sie uns in der Sache behülflich sein können, mein Sohn wünscht einen Norddeutschen, wegen des Dialects, daher ich mich an Sie wende.
Den Grimm über Göthe habe ich mit großem Interesse gelesen und sende Ihnen das Werk nächster Tage zurück. Sehr freue ich mich auf die neuen Sachen der Villinger.
Nachdem ich Ihren Brief eben noch einmal überlesen, wird mir wieder klar, wie viel Sie auf sich haben, und nach komme ich mit wieder neuer Bitte!
Mit Julchen warten wir ruhig. Sie ist augenblicklich sehr gut aufgehoben.
Daß es mit Fräulein Augsburg ihrem Unternehmen nicht besonders geht, thut mir leid, wenngleich es mich nicht überrascht.
Von mir kann ich Ihnen leider nicht gerade Gutes sagen; ich habe in Folge von Anstrengung seit vierzehn Tagen einen Schmerz im Arme, der nicht weichen will.
Leben Sie wohl, haben Sie Dank für vieles Alte und wieder Neue von
Ihrer
getreuen
Clara Schumann.

Herzlichen Gruß Ihrer lieben Freundin.
Mit meinem Ferdinand geht es schlecht; er hat sich heimlich Morphium verschafft – wir haben immer einen Schrecken nach dem andern mit ihm.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 14
Briefwechsel Clara Schumanns mit Mathilde Wendt und Malwine Jungius sowie Gustav Wendt / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2011
ISBN: 978-3-86846-025-4
156ff.
 



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