15.07.2019

Briefe



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ID: 21690 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 08.04.1888
 

Frankf. a/M d. 8ten April 88
Liebes Fräulein,
ich schrieb Ihnen gestern durch Frl. Henne, es ist mir aber heute, jetzt wo Julie eben abgereist ist, als müßte ich noch ein Wort an Sie richten. Es wurde mir doch furchtbar schwer das Kind fortzulassen, und immer frage ich mich, ob ich auch das Rechte gethan habe? nun, der Himmel gebe es, gewollt habe ich gewiß das Beste. Wenn nur Julie dem Einflusse der Mutter zu entziehen wäre, in etwas wenigstens, Sie glauben nicht, wie schädlich dieser ist, denn die Mutter ist durch und durch ordinär, was Julie im Anfang hier auch zeigte, was sich aber jetzt sehr verloren hatte, sie war viel netter geworden. Es ist mit der Frau doch schrecklich! wenn sie nur wenigstens die Kinder körperlich pflegte, d. h. mit Verstand, aber auch das kann sie nicht; diesen ganzen Winter hatte sie den dritten Jungen (Felix) kränklich, und bat mich durch Ferdin. dringend ihn nach Schneeberg zu die [sic] anderen Knaben zu geben, aber, ein krankes Kind kann ich doch meiner Nichte nicht zumuthen zu nehmen – nun sagt die Mutter auf einmal, der Junge sei nicht krank, sey wieder ganz wohl. Sie lügt immer – es ist schrecklich! –
Im Betreff Julien’s Musikstudium möchte ich Sie nun doch bitten, zwei mal wöchentlich mit ihr zu spielen, ich halte es für anregender für sie, und auf 2 Stunden üben täglich zu bestehen. Sie werden gleich sehen, daß sie keine glückliche Klavierhand hat, die Finger sind zu lang, und immer muß man darauf sehen, daß sie sie beim Spielen nicht zu sehr
streckt, sondern rund hält, Anlagen sonst hat sie aber, Gedächtnis, Gehör, Gefühl? das kommt vielleicht, man kann es nicht wissen! –
Nun leben Sie wohl, lassen Sie mich manchmal von dem Kinde wissen, von Frl Henne kann ich Berichte über Dasselbe doch nicht verlangen, und wende mich daher an Sie, die Sie mir nun schon so viele Jahre in Treue anhingen.
Von Herzen Ihre
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 166f.
 



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