19.12.2019

Briefe



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ID: 21691 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 14.04.1888
 

Frankfurt a/m 14/4.
Liebes Fräulein!
Wie hat mich Ihre Freundlichkeit, daß Sie mir gleich nach Eintritt Juliens schrieben, gerührt! Es war so gut von Ihnen, ich dachte so viel an das Kind, und fühlte mich gleich beruhigter. Dem Fräulein Henne möchte ich durch Sie danken, daß sie in meinem Sinne mit der Mutter über das Besuchen des Kindes sprach, und ich hoffe, es wird sich einrichten lassen, daß Julie höchstens alle vierzehn Tage zur Mutter geht.
Fräulein Krebs, bei der sie das letzte Jahr war, hat einen überraschend guten Einfluß auf das Kind gehabt, und mit der Zeit fast ganz die Schattenseiten ihres Wesens in den Hintergrund gedrängt. Sie sagte uns beim Abschied wir möchten das Kind vor schlimmen Einflüssen bewahren, ihr Natürel bedürfe der feinen Eindrücke, und diese hat sie bei ihrer Mutter leider nicht, was furchtbar traurig ist. Zum Glück ist die Tante, die bis jetzt in Berlin gelebt, und die noch schlimmer ist als die Mutter, im Begriff von Berlin wegzuziehen.
Darf ich der paar kleinen Geschäftssachen noch erwähnen und Sie damit belästigen? Marie meint, ob es nicht doch besser wäre, auch die Kattunkleider für Julie in Berlin machen zu lassen, da wir wohl eine Person haben, die uns wöchentlich einen Tag näht, aber jetzt so viel für uns zu thun hat, daß wir ohnehin schon nicht wissen, wie fertig werden bei so weniger Zeit. Sie würde gewiß drei bis vier Tage zu so einem Kleide brauchen. Die Schneiderei ist überhaupt sehr theuer hier. Glaubt Fräulein Henne an einen großen Unterschied? ich weiß nicht, was der dortige Schneider für ein solches Kleid nimmt? Ein Anderes wäre es, könnten die Kleider hier im Hause mit Hülfe Aller gemacht werden, doch, wie gesagt, so wie es steht, scheint es mir nicht praktisch. Die gewünschten Sachen erhält Julie mit der Steppdecke und den Ueberzügen nächstens, u. da wird denn auch ein grauer Wäschsack dabei liegen, der bereits fertig ist. –
Sagen Sie mir doch, an wen ich mich um Berichte über Julie ab und zu zu wenden hätte? da wir mit der Mutter in keinerlei Verbindung stehen, bleibt mir nur der directe Weg. Soll ich vielleicht ein Paar Zeilen an Frl. von Beaulieu schreiben und um ihre Nachsicht für Julie bitten?
Unser Sommer wird sich wohl wieder gestalten wie der vorige; nach Franzensbad, dann Obersalzberg, und was haben Sie nun vor? Richten Sie es doch ja so ein, daß wir uns wenigstens 14 Tage sehen;
vor Mitte August werden wir freilich wohl kaum kommen können.
Die reizenden Geschichten von der Villinger hatte ich bereits seit einiger Zeit in Besitz; darum schicke ich sie Ihnen sofort zurück.
Schlieslich [sic], liebes Fräulein, nehmen Sie nun noch den wärmsten Dank für die Mühen deren Sie sich mit Juliens Musikstudien unterziehen wollen, was mir eine große Beruhigung ist.
Seien Sie mit Ihrer lieben Freundin herzlich gegrüßt
von Ihrer
alt ergeb
Clara Schumann
An Julchen unsere herzlichen Grüße.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 14
Briefwechsel Clara Schumanns mit Mathilde Wendt und Malwine Jungius sowie Gustav Wendt / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2011
ISBN: 978-3-86846-025-4
168-170
 



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