15.07.2019

Briefe



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ID: 21696 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 16.09.1888
 

Baden-Baden d. 16 Septbr. 88, Deutscher Hof.
Liebes Fräulein Wendt,
wie sehr stehe ich in Ihrer Schuld, die lieben Briefe, die herrliche Arbeit, die Sie mir gesandt, wie habe ich für Alles zu danken! nehmen Sie wärmsten Händedruck! Sie überschütten mich mit Freundschaftsbeweisen, und ich kann nichts für Sie thuen als nur immer danken! der Läufer ist reizend – ich sah dasselbe Muster in Franzensbad, u. war entzückt darüber – wie überraschte mich nun Ihr liebes Geschenk doppelt! – Das Sträuschen kam auch noch ganz frisch hier an – auch dafür Dank! – Sie können denken, daß wir Ihre liebe Nähe in Vordereck sehr vermißten, einige schöne Tage haben Sie noch verloren, aber, wir hatten 5 entsetzliche Regentage, wo es den ganzen Tag und Nacht goß, in Ströhmen [sic] ! ebenso hatten wir in München die 5 Tage, die wir dort waren Regen, und zwar so heftig, daß wir nicht in die Gewerbeausstellung konnten, weil der Zug und die Kälte in dem Local unerträglich waren. Den Tag unserer Abreise von München wurde es herrlich, und so haben wir wenigstens hier bis heute prachtvolles Wetter gehabt. Am 13ten war es himmlisches Wetter und machten wir mit meinem Bruder Bargiel, der mich hier mit Clementine
überraschte, eine herrliche Parthie, und so seither jeden Tag! Nun aber hat es wieder ein Ende, jetzt, (Sonntag Abend) regnet es, und da ist man gleich wieder kleinmüthig, denn es dauert sicher wieder eine Woche.
Ihrer lieben Freundin danken Sie doch sehr von mir – sie zürnt mir gewiß nicht, wenn ich ihr nicht besonders schreibe – Sie sind ja „zwei Herzen, ein Schlag“ und so nehmen Sie Beide den Dank an, wenn er auch nur an Eines von Ihnen gerichtet ist. Auch für die „goldenen“ Hochzeit-Verse schönsten Dank, wir haben aber doch nichts davon benutzen können, u. – die Decke aufgegeben, sie wollte uns doch nicht gefallen als Geschenk bei dieser Gelegenheit. In München fanden wir einen kleinen, wunderschön gearbeiteten Becher für Blumen, den nahmen wir.
Sie haben doch meine Carte wegen des Claviers bekommen? ich bitte Frl. Henne mir Transport u. Stimmen zu berechnen. Welch eine Freude ist es uns, daß Ihre liebe Freundin sich so erholt hat! leider können wir Ihnen das von Eugenie nicht sagen, sie macht uns Kummer durch ihr schlechtes Aussehen – sie schläft gar nicht – das ist schrecklich.
Zu dieser Sorge kommt nun neue Sorge um Ferdinand, was mit ihm den Winter werden soll? Ich will jetzt ’mal Oertel consultiren. Sie glauben nicht, was diese Sorgen Alle auf mir lasten, mich oft fast zu Boden drücken. Könnte ich sie nur meinen Töchtern ersparen, sie tragen doppelt, mit mir und für mich die Sorgen noch extra.
Marie, die immer Fürsorgende, mahnt zum Schluß wegen des Armes. Morgen beginne ich noch eine kleine Massage-Cur, und denke bis 27−28ten hier zu bleiben.
Leben Sie wohl, Beide, und behalten Sie lieb
Ihre
getreue dankbare
Clara Schumann.

An Julie Grüße – ich schreibe ihr sobald ich nur etwas freier bin. Jetzt habe ich viele Schulden!
Entschuldigen Sie die schreckliche Gasthof-Tinte.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden Deutscher Hof
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 181ff.
 



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