15.07.2019

Briefe



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ID: 21724 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 12.04.1890
 

Frankfurt a/M d. 12 April 90.
Liebes Fräulein,
ich fühle mich recht in Ihrer Schuld, daß ich zwei liebe Briefe von Ihnen noch nicht beantwortet habe. Sie wissen aber, wie viel ich immer in Anspruch genommen bin, dann waren wir auch die Ferienzeit in Baden, sind erst jetzt wieder zurückgekehrt. Ich dachte mich dort etwas zu erholen, bin auch allerdings den Husten fast ganz los geworden, aber, sonst doch noch immer nicht wohl. Jeder Tag bringt mir ein anderes Leiden, wenn auch nicht ernster Art, so doch unangenehm, und es ist so unheimlich, wenn man immer denkt, was wird denn nun wohl kommen? – Wie mag es Ihnen jetzt gehen, Sie klagen ja noch in Ihrem letzten Briefe?
Nun nehmen Sie aber vor allem Dank für den Bericht über Juliens Production – es freut mich, daß sie ihre Sache doch gut gemacht hat. Leider nur lautet der Bericht ihrer jetzigen Stuben-Dame nicht besonders – sie klagt über Juliens Unliebenswürdigkeit, das ist doch schrecklich! wie soll sie mit solchen Launen ’mal durch die Welt kommen? Es ist traurig, was die Kinder uns Sorgen machen! jetzt ist nun der Alfred nach Hanau i. d. Realschule gekommen, hat uns aber wahrhaft erschreckt durch seine fast lautlos heisere Stimme, dazu sein schweres Sprechen; wir wollen nächstens einen Halsarzt consultiren. So wird man nie fertig athmet nie ’mal auf!
Daß Rudorff den Stern’schen Verein aufgegeben thut mir sehr leid –sicher ist es ein Verlust für das Gedeihen Desselben nach unserem Sinne, ach, aber, es geht jetzt ja Alles einen anderen Weg, und wir, die wir fest an unsern Idealen halten, sehen betrübt zu. Rudorff hat uns neulich ’mal auf 3 Tage besucht, da habe ich mich wieder erquickt an seinem frischen Wesen, an seiner Begeisterung für die Kunst, und beklagt, daß man nicht in einer Stadt leben kann! – Der Kreis wird immer kleiner – wir vereinsamen mehr u. mehr.
Wie sehr haben wir bedauert, daß ein unglücklicher Zufall Frl. Wietrowetz verhinderte den Abend mit Brahms und uns bei Sommerhoffs zuzubringen – sie wird Ihnen wohl davon erzählt haben? wie gern hätte ich sie gehört, und auch Brahms war es sehr leid. Die Arme schien mir doch recht angegriffen im Aussehen, kümmert sie sich, oder strengt sie sich zu sehr an?
Wie wird sich nun wohl der Sommer für Sie gestalten? wo lenken Sie Ihre Schritte hin? –
Ich stehe im Begriff in Franzensbad die Zimmer zu bestellen, eben so bei der Moritz, diesmal hoffentlich schon von Anfang August an. Ach, wäre nur die Zeit erst da! Ich habe nun wieder meine Thätigkeit nach den Ferien begonnen – Diese ist wirklich ein Glück für mich, da kann ich doch nicht über mich und all das Künstler-Leid nachdenken! –
Verzeihen Sie, liebes Fräulein, es ist aus meinem Briefe beinah ein Klagelied geworden, Sie sehen aber daraus, daß ich so recht das Gefühl des Vertrauens empfinde, wenn ich Ihnen schreibe, wie es nun eben vom Herzen kommt! – Beinah hätte ich aber vergessen Ihnen zu erzählen, daß Ihr Herr Bruder aus Carlsruhe zum Brahms-Abend hier war, und ich die Freude hatte, ihn zu einem Abendbrod darnach noch bei mir zu sehen. Vielleicht hat er es Ihnen geschrieben, doch, die Männer sind ja sehr beschäfftigt, u. finden weniger Zeit noch zu Briefen, als wir.
Nun leben sie wohl mit der lieben Freundin und Leidens-Gefährtin. Bleiben Sie Beide gut Ihrer
getreu ergeb
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 223ff.
 



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