19.12.2019

Briefe



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ID: 21727 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 31.08.1890
 

Obersalzberg d. 31 Aug 1890, Vormittags.
Liebes Fräulein Mathilde,
haben Sie Dank für Ihren lieben langen Brief – hätte er nur Erfreulicheres enthalten! aber, daß Ihr Leiden noch nicht weichen will, das thut mir doch gar zu leid! ich glaube aber doch Ihre liebe Freundin hatte recht, Sie bald-möglichst unter Steinrück’s Behandlung zu bringen, denn, hier wäre es bei dem schrecklichen Wetter (wir hatten 2 Tage 5−6 Grad nur) nicht besser geworden.
Uns geht es nun so weit gut, kleine Leiden werde ich ja nicht mehr los! jetzt ist meine Schwester u. Freundin hier, das ist sehr erheiternd für uns. Heute ist nun auch wieder ein herrlicher Sonntag, und eben sind Alle in die Resten gegangen – ich hatte nicht den Muth, man genirt auch nur, wenn man nicht ordentlich voran kann. Natürlich war bei dem Wetter an Vorderbrand nicht zu denken – die Nässe ist unbeschreiblich. Wir hatten 1 ½ Tag unaufhörlich Regen, Blitz und Donner! Ich habe wegen Juliens Uebersiedlung in die franzosische [sic] Stube an Frl. Henne geschrieben, und sehr gebeten sie dahin zu versetzen, angeblich nur wegen der französischen Sprache. Englisch kann sie leicht lernen später, aber französisch nicht, das wäre nur mit großen Geldopfern zu erschwingen. Vielen Dank für die Besorgung der Statuette, die hier angekommen ist – ich schenk sie Marien eingepackt, weil ich fürchte sie nicht gut wieder verpacken zu können. Heute Abend entscheidet es sich, ob wir am 2ten herunter gehen, oder noch bis 5ten oben bleiben. Levi hatte Fidelio z. 5ten angesetzt, kann er ihn verschieben, so bleiben wir, wenn nicht, gehen wir, wie es erst bestimmt war. Ihr armer Bruder thut mir doch gar zu leid! welch ein Kummer ist das mit den Söhnen! ach, man möchte doch immer fragen „Warum?“ Neulich spielte ich bei Linde’s Einiges, auch das „Warum“ – in Diesem liegt aber gar mild und tröstend die Antwort! – Schonen Sie sich nur ja noch recht, liebe Mathilde, strengen Sie doch das Ohr nicht mit Stunden an – es kommt Ihnen später doch wieder zu Gute, wenn Sie jetzt recht vernünftig sind.
Mit meiner sehr flüchtigen Schrifft nehmen Sie Fürlieb, ich habe immer Schulterschmerzen, u. bin daher immer unruhig beim Schreiben. Die Statuette und das Häkchen bezahlen Sie, bitte, u. schreiben mir den Gesammt-Betrag.
Nachmittags. Es hat sich eben entschieden, daß wir doch nun am 2ten hinunter gehen, d. 4 ten nach München. Freitag Fidelio!!! Leben Sie mit Ihrem lieben Schutzgeist wohl! Marie grüßt sehr mit mir
Ihrer treu ergb
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Obersalzberg
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 14
Briefwechsel Clara Schumanns mit Mathilde Wendt und Malwine Jungius sowie Gustav Wendt / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2011
ISBN: 978-3-86846-025-4
228ff.
 



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