19.12.2019

Briefe



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ID: 21733 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 11.01.1891
 

Frankfurt a/M d. 11 Jan. 1891.
Liebe Mathilde,
ich wollte Ihnen so gern einmal wieder einen ordentlichen Brief schreiben, aber, es will nicht dazu kommen, es liegt zu Vieles auf mir. Sie sollen nun heute wenigstens meinen besten Willen sehen, und wenigstens will ich Ihnen und der lieben Freundin danken für den lieben Neujahrsbrief. Sehen werde ich Sie wohl kaum diesen Winter, obgleich Joachim mich sehr aufgefordert 2 Extra-Quartettabende nach Ostern mit ihm in Berlin zu geben. Ich müßte dann aber doch an jedem Abende 1 Ensemble und ein großes Solo spielen, und, das macht mich doch bedenklich, auch muß ich Ihnen ganz offen sagen, daß die jetzigen Bestrebungen im Clavierspiel mir wenig Lust zum Offentlich-Spielen [sic] machen.
Wie herzlich freut mich aber, daß Sie Ihr Ohrenleiden los sind – nehmen Sie sich nur recht in Acht mit Erkältungen – man bleibt eben doch nicht immer jung, und muß mehr und mehr auf seinen Körper achten. Der Winter ist doch wahrhaft entsetzlich, seit 3 Wochen konnte ich nicht einmal spatziren gehen, entweder hatten wir den vernichtendsten Nordost, oder es war so glatt, daß ich nicht wagte, hinaus zu gehen. Schnee haben wir gar nicht, immer fast Sonnenschein, aber dabei den Wind.
Was Sie mir über Julie schrieben, freute mich, aber, ich kann mich doch gar nicht zu der Hoffnung aufschwingen jemals Freude an ihr zu erleben, überhaupt nicht an den Kindern. Es steckt in Allen etwas von der Mutter, was mir so sehr unsympathisch ist, vielleicht kommen die Verhältnisse mit beiden Eltern auch dazu, mir die Stimmung für die Kinder zu trüben, wenn ich es auch für meine Pflicht halte an ihnen zu thuen, was ich kann. Es ist ein schwerer Kampf. Mündlich einmal mehr darüber! – Wir denken jetzt ernstlich an eine Anstalt für Julie, wo sie den Sommer über wirthschaften lernt, im Winter dann wollen wir es noch ’mal mit dem Clavier versuchen, dann übernächsten Sommer noch ein halbes Jahr die Wirthschaft. wir denken es wird ihr körperlich auch gut thuen. Mir scheint das ganz nöthig für ein Mädchen in Juliens Verhältnissen. Ich schrieb es ihr noch nicht, thue es aber, sobald wir bestimmte Aussichten haben. –
Nun kommt doch ein Blättchen zum anderen, und, ein Brief ist’s doch geworden, wenn auch leider kein schöner! nun, Sie haben ja Nachsicht. Das Bändchen der Villinger nehme ich dankbarst, geliehen an, wenn Sie es mir schicken wollen.
Am 23ten spiele ich hier das Es dur Quartett von meinem Manne im Kammermusik-Abend. Leider nur vermisse ich immer Joachim u. Hausmann sehr hier – das aber ganz unter uns!
So seyen Sie denn Beide auf das wärmste gegrüßt, und bleiben Sie gut Ihrer
treu ergeb
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 14
Briefwechsel Clara Schumanns mit Mathilde Wendt und Malwine Jungius sowie Gustav Wendt / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2011
ISBN: 978-3-86846-025-4
238ff.
 



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