15.07.2019

Briefe



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ID: 21734 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 15.02.1891
 

Frankfurt a/M d. 15 Febr. 1891.
Liebe Mathilde,
ich möchte, ich könnte einen Plauderbrief an Sie richten, heute muß ich mich aber auf Dank für Ihren lieben Brief u. Zusendungen, und einige Fragen beschränken. Ihr lieber Brief hat mich sehr erfreut und die kleine
Erzählung „Frau Marey Christmeß’“ auch, weniger die Galgenbäuerin – wir sprechen einmal später darüber! –
Heute möchte ich Sie fragen, wie das wohl ist mit Julchen’s Abgang: sie soll nämlich doch erst vom 1 April an nach Halberstadt, Ostern ist aber doch schon (Palmsonntag) d. 22ten. Wird sie da confirmiert? Ich möchte sie nicht erst nach Hause schicken, da sie doch im Sommer einen Ferien-Monat zu Hause verlebt, und dachte daran Frl. Henne zu fragen, ob sie wohl noch die Tage bis z. 1 April im Institut bleiben könnte, natürlich gegen Vergütung der Kost ect. Julchen schrieb nun vor einigen Tagen, sie könne im Institut bleiben. Ich möchte Frl. Henne nicht darum fragen, es ist mir peinlich. Könnten Sie ’mal mit ihr sprechen? Julie schreibt unter anderem bei dieser Gelegenheit, sie freue sich sehr darauf (auf die Tage nach der Confirmation) da könne sie allein ausgehen. Das hat uns erschreckt! kann sie dann gehen, wohin sie will? dann geht sie sicher zu der Tante, was mir sehr unangenehm wäre. Könnte man diese Erlaubniß, wo es sich doch nur um 10 Tage noch handelt, nicht zurücknehmen? in Halberstadt hat es ja keine Bedenken wenn sie allein geht, aber in Berlin überhaupt ist es mir beunruhigend. Bitte, sprechen Sie mir Frl. Henne ’mal darüber und schreiben mir ein paar Worte deshalb.
Wer ist Kogel? denken sie, Dieser ist als Director des Museums hier gewählt. Ich hörte nie von ihm, und Niemand weiß von ihm, Sie aber doch gewiß? wissen Sie wie er dirigirt? Wagnerianer? | Die Wietrowetz hat mir sehr gefallen, sie spielt ganz vortrefflich, und auch durchaus nicht kalt, dabei ist sie ein liebes Mädchen; es fehlt ihr aber Jemand zur Seite, der ihr ihre Reise etwas practischer einrichtete, und auf ihre Gesundheit sähe. Das ist ja immer Alles so eingerichtet, daß sie die gräßlichsten Anstrengungen hat, und, ein Riese scheint sie mir doch nicht. Wofür hat nun so ein Mädchen eine Mutter, die dann für die Hauptsache, ihre Gesundheit, nicht sorgt. Ich hoffe, wir sehen sie bald einmal einige Tage bei uns, da läßt sich dann schon leichter etwas beeinflussen – ich hätte sie schon gern gleich bemuttert! – Es kann Einem doch Angst für solch ’ne Zukunft werden.
Ueber den Sommer kann ich Ihnen noch nichts bestimmtes sagen, glaube aber, wir werden es einrichten, wie immer, und freuen uns dann herzlich a. d. Wiedersehen mit Ihnen Beiden. Sie erfahren noch Bestimmtes darüber. Ob ich nach Berlin komme, ich glaube es nicht! zwar bin ich herrlich bei Fingern, habe gestern Abend in einer Gesellschaft bei mir Op. 81 „Les Adieux“ v. Beethov. und Einiges von Schumann u. Chopin gespielt, war vortrefflich disponirt, aber dennoch so nervös, daß mir
zwar trotzdem alles besser denn je gelang, aber ich heute doch ganz wie zerbrochen meinen Körper fühle. Wie kann ich in solch körperlicher Verfassung an Concerte in Berlin denken! Diese würden mich ja total ruiniren, so fühle ich mich heute! morgen ist es vielleicht schon wieder vorbei, aber, es ist doch nicht vernünftig solch Risiko zu wagen.
Nun bin ich doch wieder in’s Plaudern gerathen!
Schnell will ich aber schließen und sende Ihnen Beiden herzlichste Grüße wie immer
Ihre getreue
Clara Schumann.

Ich schicke die Novellen v. d. Villinger unter Kreuzband mit schönstem Dank.
Die Töchter grüßen sehr.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 240-243
 



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