15.07.2019

Briefe



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ID: 21747 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 12.12.1891
 

Frankfurt a/m. 12. December 91.
Liebe Mathilde,
Ich möchte Ihnen doch gern gleich heute sagen, mit wie vieler Teilnahme ich Ihre schlimmen Nachrichten empfangen habe. Ich war sehr erschrocken, denn diese Influenca ist eine gar zu perfide Krankheit, die ich ja leider aus Erfahrung kennen gelernt! Ich glaube sogar daß mein Leiden in etwas noch Folge derselben ist. Ich möchte Sie nur vor allen Dingen warnen, daß Sie beide sich lieber etwas länger pflegten, als Ihnen nötig erscheint, denn, Rückfälle, die namentlich um diese Jahreszeit so leicht kommen, sind zu gefährlich. Daß Sie gerade jetzt so viel entbehren mußten, thut mir gar zu leid, aber, denken Sie, daß ich nun seit fast vier Monaten Alles entbehre; natürlich auch der Einladung nach Meiningen nicht folgen konnte, nicht einmal einen Ton in meiner Stube hören kann!
Ilona ist jetzt hier und hat in Leipzig solch großen Erfolg gehabt, daß man sie für nächsten Monat im Gewandhaus engagiert hat. Auch hier hat sie gestern mit großem Erfolg das Brahms’sche Gmoll Quartett gespielt. Daß sie das Concert von Mocart [sic] so schön spielen würde, wie Sie mir schreiben, erfreut mich doppelt, denn Mozart ist ihr einstweilen noch nicht individuell, was wohl erst im reiferen Alter kommt. Mein Brief kommt hoffentlich noch früh genug, um [sic], daß Sie sich noch eine Woche ausruhen ohne Stunden zu geben. Von mir kann ich Ihnen noch nichts anderes sagen, als daß ich in meinem Leiden nur dann Erleichterung fühle, wenn die Musik etwas mehr, wie aus der Ferne, ertönt, aber, da ist das Gespenst noch immer; es ist wohl das Geheimnisvollste, was der Mensch mit seinem Körper erleben kann. Von ähnlichen Fällen habe ich aber jetzt viel gehört. Die Teilnahme, die mir die Freunde hier bezeugen, ist rührend, oft sogar erregend, wenn sie mit Ratschlägen aller Art kommen, besonders mich abbringen wollen von meinem homöopatischen Arzt, der mich jetzt dreizehn Jahre kennt und allerdings
langsam voran geht, bei dem von vorn herein alle narcothischen Mittel ausgeschlossen sind. Nur Brohmwasser [sic] (für den Schlaf) erlaubte er mir, etwas widerstrebend, und hatte sogar mit diesem unschuldigsten Schlafmittel nicht Unrecht, denn ich bemerkte bald den nachteiligen Einfluß auf den Magen, habe also auch dieses wieder aufgegeben. Nun wollen mich alle nach der Riviera haben, was aber garnichts für mich ist, denn ich kann ja nirgends besser, und comfortabler sein als zu Haus, wo ich doch auch durch viele Bekannte immer etwas Zerstreuung habe – und die Stunden, die ich dort in der Sonne sitzen könnte, nur büßen müßte mit kalten Zimmern.
Ich hatte heute einen meiner schweren Tage, darum dictierte ich Julien, die sich sehr in Ihrer Schuld fühlt, aber in den Ferien das Versäumte nach zuholen [sic] hofft.
Das Lebensbild von der Ebener [sic] werde ich mir morgen verschaffen, freue mich sehr darauf.
Nun leben Sie wohl, Sie lieben Beiden. Es gehe Ihnen bald wieder ganz gut – lassen Sie dies bald durch eine Correspondenzkarte erfahren Ihre
Ihnen Beiden immer
ergebene Clara Sch.

Die Töchter grüßen sehr und fügen alle guten Wünsche bei.
Meine Schwester Cäcilie hat auch Influenza gehabt, aber kurz, wie Sie. Ich hatte sie 2 Monate.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 268ff.
 



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