19.12.2019

Briefe



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ID: 21761 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 03.11.1892
 

Frankfurt a/M d. 3 November 1892.
Liebe Mathilde,
ich hatte mir vorgenommen Ihnen dieser Tage meine wärmsten Wünsche zu Ihrem Geburtstag zu senden, da erhalte ich heute die Schreckens-Nachricht von dem Tode Ihrer Schwägerin, und bin ganz bestürtzt. Wie wird dieser Verlust Sie erschüttert haben, vor allem Ihren Herrn Bruder! welch ein Schlag für Sie Alle! – Ihre Schwägerin war doch so kräftig, und noch nicht alt! wie ist das nur gekommen? welch eine Beruhigung wird es Ihnen sein, daß Sie sie im Sommer noch besucht haben! – Ach, wie schrecklich ist doch der Tod, tritt er so unerwartet ein; überhaupt das losreißen von Allem, die Einem theuer sind, es ist zu grausam! – Wie wird Ihnen Ihr Geburtstag durch diesen Verlust getrübt – wie innig leid thut mir das. Ich werde aber doch am 6ten Ihrer mit allen treuen Wünschen gedenken – mögen Sie vor allem gesundbleiben, und vereint mit der geliebten Freundin.
Für Ihren schönen langen Brief nehmen Sie meinen Dank. Wie hat mich Alles interessirt was Sie mir schrieben.
Von mir kann ich Ihnen wenigstens das Gute sagen, daß ich täglich eine Stunde gebe, und mich dabei so frisch und angeregt fühle, wie nur je zuvor. Es ist ein großes Glück für mich, daß ich doch wenigstens Etwas noch nützen kann, und damit doch auch Mariens Unternehmen unterstütze. Mit der Klasse geht es brillant, Marie hat sehr viele Schülerinnen, ist außerordentlich in Anspruch genommen, fühlt sich aber ganz beglückt dabei – sie sagt, nie habe sie ein solches Gefühl der Befriedigung gehabt, als jetzt. Und Eugenien geht es nicht weniger gut – Gott sei Dank, verträgt sie die Anstrengungen. Julie ist Marien schon hülfreich, indem sie den Schülern in der Technik nachhilft, und Einigen die Intervalle und Akkorde lehrt. Es ist ja unglaublich wie wenig Viele wissen, wie unmusikalisch sie sind, oder vielmehr, schlecht unterrichtet.
Wie freut mich, was Sie mir von der Gabriele berichtet – ich habe mir aber gedacht, daß es ihr in London glücken würde. Herrlich ist es, daß sie die schöne Geige hat – es hätte sie ihr aber schon einer von den reichen Freunden schenken können. Von meinem Befinden kann ich Ihnen nichts andres sagen, als was Sie wissen – es sind viele Leiden, die ich habe, und Alle sind sie so hartnäckig. In Concerte kann ich natürlich nicht gehen, aber ich spiele täglich wieder etwas, und habe daran Freude, denn, was ich selbst spiele höre ich, auch die Schüler, nur keine Ensemble-Musik könnte ich aushalten, da klingt mir Alles falsch. Neulich war ich im Manfred (mit Possart als Manfred) ich konnte mich nicht entschließen zu Haus zu bleiben, aber, nichts von der himmlischen Musik habe ich gehört! das ist doch ein zu grausames Geschick! –
Ich muß aber schließen, und grüße Sie und Ihre liebe Malwine aufs herzlichste.
Auch Marie sendet herzlichen Gruß, und hat mit mir die tiefste Theilname an Ihrem großen Verluste.
Freundschaftlich Ihre
Clara Schumann.

Dem Frl. v. Beaulieu wollen Sie, bitte unsere wärmsten Glückwünsche sagen, natürlich auch Julchens. Letztere war sehr überrascht.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 14
Briefwechsel Clara Schumanns mit Mathilde Wendt und Malwine Jungius sowie Gustav Wendt / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2011
ISBN: 978-3-86846-025-4
291ff.
 



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