15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 21769 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 12.05.1893
 

Frankfurt a/M d. 12 Mai 1893.
Liebe Mathilde,
so wären wir denn glücklich wieder hier, und ich kann sagen, im Ganzen geht es mir leidlich! – Der Aufenthalt in Pallanza Wochen waren wir da war herrlich und, was mir das Liebste, ich habe dort einen Arzt gefunden, so theilnemend, wie mir noch Keiner vorgekommen. Er ist ein Bonner, lebt aber mit seiner Frau schon 17 Jahr in Pallanza, ist ein großer Musik-Enthusiast, spielt Alles von Schumann, und nahm daher wohl auch das ganz besondere Interesse an mir. Er machte viele Parthien mit uns und sorgte wie ein Sohn. Ich spielte ihm an einem Tage vor, u. da kam er den anderen Tag, und redete uns lange zu, ernstlich für mich zu thuen. Er sagte, wer noch so spiele, wie ich, da seyen noch viel Kräfte vorhanden, und müssen nur gehoben werden. Der Mangel an Bewegung müsse durch Massieren des ganzen Körper ersetzt werden, der Blutumlauf beschleunigt werden ect. dann für die Nervenschmerzen solle ich nach Schlangenbad, das ein herrliches Bad dafür sey, so außerordentlich beruhigend wieder, und dann sey die Waldluft in Schlangenbad so schön. So haben wir uns denn entschlossen am 1 Juli dorthin zu gehen bis 1 Aug. dann – Interlaken. Was werden Sie nun thun? ich denke mir, der Arzt schickt Sie gewiß auch in ein Bad? wohin?
Was dachten Sie wohl, daß ich Ihnen nicht von Pallanza aus schrieb, aber, ich weiß nicht, wie es kam, wir kamen aber gar nicht zum Schreiben, die Zeit ging meist im Freien auf dem See, dann bei den zwei Mahlzeiten hin, kam man zu [sic] Haus, so war man müde, kurz, gedacht habe ich Ihrer oft, das wollen Sie mir glauben. Ich konnte es ja nach Ihren lieben letzten Briefen mit der Beruhigung, daß Sie wieder genesen waren. Auch die Genesung Ihres lieben Bruders freut uns innig! aber, freilich, die beste Freundin fehlt ihm, das ist schwer! – Wäre nur seine Marie wohler, welch
neue große Sorge ist dies! Recht schwer ist es auch für Sie – wie fühle ich dies mit Ihnen. Ich bin sehr gespannt zu hören, was inzwischen beschlossen worden ist? ich glaube auch, daß vollständige Ruhe für Ihre Nichte das Richtige ist, wie es doch auch für Eugenie war, aber ganz ohne ihre Angehörigen, denn diese regen immer wieder auf. Eug. hat in Bignasco in einem Hôtel gewohnt, wo nur einige Leute waren, und Monate lang immer nur auf dem Balkon im Freien gelegen auf einer Chaise longue, nichts Aufregendes kam an sie, sie las ein wenig und schrieb, ab und zu, etwas. Baden ist doch eigentlich für einen Mann[?] keine Erholung – die Luft ist zu drückend, weich, freilich hohe Luft wäre auch nichts, aber so ein Mittel-Clima.
Dachten Sie wirklich ich sollte jetzt schon fort bleiben von hier? Marie hat doch noch bis Juli ihre Klasse u. ich ebenfalls meine Schüler. Das wäre mir doch auch eine gar zu lange Bummel-Zeit! –
Ich habe neulich die Biographie von Siemens geschickt bekommen, hatte aber noch Anderes nicht beendet. Mein Schwiegersohn sagte mir aber, es sey so viel Fachliches in dem Buch, was Unsereins nicht verstünde, und er glaube, ich werde mich schwer durchwinden. Nun, ich versuche es! –
Jetzt muß ich schließen, Kräfte und Papier gehen zu Ende, nicht die Freundschaft, die ich Ihnen Beiden, Lieben, trage! –
Sehr gespannt bin ich Ihre Pläne zu hören. Sie werden doch wieder irgendwo zu uns stoßen?
Marie grüßt herzlichst mit mir
Ihrer
getreuen
Clara Schumann.
Verzeihen Sie, ich habe immer so viele Tinte-Malheure.
Verzeihen Sie das verschiedene Papier, das ich aus Versehen nahm.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 308ff.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.