19.12.2019

Briefe



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ID: 21774 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 08.12.1893
 

Frankfurt a/M d. 8 Dec. 1893
Liebe Mathilde,
wie oft dachte ich daran Ihnen zu schreiben, hätte es so von Herzen gern gethan, aber, es kam immer so viel schnell zu erledigendes, daß ich nicht dazu kam. Sie sehen hieraus, daß ich immer beschäftigt bin, trotzdem ich viel leide! das Kopfleiden bleibt immer dasselbe, und das Leiden im Kreuz, das aber doch, glaube ich, von der Hüfte aus geht, hat sich mehr und mehr gesteigert, und ist so arg, daß ich oft nicht vom Stuhl in die Höhe kann vor Schmerzen. Abgesehen davon fühle ich mich aber doch kräftiger, als vorigen Winter, u. sehe auch, wie Alle sagen, besser aus. Wären nur nicht die trüben Gedanken des Nachts! da male ich mir immer ein langes Siechthum aus, das ist entsetzlich! meine Stimmung ist natürlich oft sehr gedrückt. Da hat nun aber Brahms wieder gesorgt, daß ich mich doch halbe Stunden lang vergesse! die Stücke die er mir im Laufe des Sommers so nach und nach gesandt, sind wunderbar, und wieder ein neuer großer Schatz. Ich spiele sie ab und zu Musikern vor, die dann begeistert sind. Ich glaube sie sind leichter gleich zu verstehen, als die vorjährigen! wie gern spielte ich sie Ihnen ’mal.
Nun naht das Fest u bringt uns wieder viel Troubel aber auch die Freude Eugenie bei uns zu haben. Sie bleibt 3 Wochen. Julie geht nach Gera zur Mutter, Ferdinand ist jetzt in der Vorbereitung zu seinem Examen, u. kommt Ostern zu uns, seine Musikstudien zu beginnen!!!
Wir erfreut bin ich über Ihre guten Nachrichten! mögen Sie nur vor allem den Winter gesund bleiben, ich fürchte ihn für mich jetzt immer sehr. Nun mit Gott in’s neue Jahr, das uns hoffentlich wieder zusammenführt!? –
Nehmen Sie Beide schon heute meine wärmsten Wünsche f. d. kommende Jahr und sein Sie versichert der Freundschaft Ihrer
Clara Schumann.

Marie sendet auch ihre Grüße u. Wünsche, sie ist sehr fleißig.
Borwick soll enorme Fortschritte machen, leider sitzt er sehr fest in England.
Gestern spielte ich den Schülern „Les Adieux“ – wie hätte ich Sie dabei gewünscht.
Wenn Sie zu Neujahr nichts von mir hören, so nehmen Sie es als Zeichen meines Wohlbefindens soweit es möglich

[Umschlag]
Fraeulein
Mathilde Wendt.
Berlin.
Alte Jacobstraße

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 14
Briefwechsel Clara Schumanns mit Mathilde Wendt und Malwine Jungius sowie Gustav Wendt / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2011
ISBN: 978-3-86846-025-4
318f.
 



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