15.07.2019

Briefe



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ID: 21780 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 10.10.1894
 

Frankfurt a/M. 10. 10. 94.
Liebe Mathilde,
Ich habe Ihnen noch nicht gedankt für Ihren lieben Geburtstagsgruß, weil ich es immer gern eigenhändig thun wollte, nun sammeln Sie feurige Kohlen auf mein Haupt durch den zweiten Brief, mit dem reizenden Umschlag zu meiner Gabriele v. Bülow; so war es doch gemeint? Ich habe ihn gleich um das Buch gelegt, das mir Fräulein Leser zum 13. geschenkt hatte u. erfreue mich nun täglich daran – er paßt genau. Ich drücke Ihnen auf’s Wärmste die Hand dafür.
Sie sehen, ich kann noch nicht selbst schreiben, es strengt mich zu sehr an, und wird immerhin noch einige Wochen dauern, bis der Arm ganz frei wieder ist.
Eugenie hat uns nun auch wieder verlassen; leider wurde sie in Interlaken noch so heftig von einem Katharr [sic] gepackt, daß wir auf der Rückreise in Thun 6 Tage bleiben mußten, die sie größtenteils im Bett verbrachte. Sie kurierte sich aber hier ganz aus u. ist schon wieder in London in voller Thätigkeit. Der Aufenthalt in I. wurde uns übrigens durch den gräßlichen Mord noch sehr getrübt, ich war ein paar Tage vorher noch mit Eugenie ganz allein auf der herrlichen Chausée spaziert. Natürlich wagte man sich nirgends mehr hin!
Ich habe nun auch wieder mit Stunden angefangen u. nette neue Schüler bekommen, die bisher bei Eugenie studiert hatten. Die Arbeit bringt Einen doch am besten über die erlebten Miseren.
Es freut mich, daß Sie sich mit Berlin wieder angefreundet haben. Der lieben Malwine meinen herzlichsten Dank für ihren Brief zum 13; sie zürnt mir gewiß nicht, wenn ich nicht extra ihr schreibe. Dies gilt ja für sie mit, nicht wahr?
Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß wir Baden wegen Eugenien’s Unwohlsein aufgeben mußten, was mir besonders für Marie leid war – das schlechte Wetter tröstete uns aber darüber, wir hätten Nichts dort genossen.
Nun leben Sie wohl, u. lassen Sie bald wieder von sich hören.
Schreiberin Dieses grüßt mit Marie herzlich u. ich bleibe
Ihre getreue
Clara Schumann

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 333f.
 



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