15.07.2019

Briefe



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ID: 21782 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 06.03.1895
 

Frankfurt a/M d. 6 März 95.
Liebe Mathilde,
was denken Sie nur von mir, daß ich so lange nicht schrieb, aber, es kam wieder so Vieles an mich, allein die zu beantwortenden Neujahrsbriefe, mit Denen ich erst vor wenig Tagen fertig wurde, dann die Stunden, ferner viel Besuch, kurz, ich kam nicht nicht [sic] dazu, so viel ich auch an Sie dachte. Ein Hinderniß am Schreiben ist mir auch noch mein Arm, dem ich nicht viel zumuthen darf, da sich Rheumatismus hineingesetzt hat, der bei dem harten Winter nicht zu vertreiben ist.
Vor allem lassen Sie mich Ihnen aber sagen welch tiefe Theilname ich für Ihre liebe Schwester habe. Ach, wie unsäglich schwer ist solch ein Verlust an und für sich, und nun gar unter so grausamen Verhältnissen. Wie trägt man solchen Schmerz! – wenn Sie Ihrer Schwester schreiben, versichern Sie sie meines innigsten Mitgefühls.
Wir haben hier in unserer nächsten Bekanntschaft (oder vielmehr Freundschaft) viel Leid mit durchempfunden, schreckliche Zeit mit den armen Stockhausens, deren jüngstes Kind, (ihr Sonnenschein in allem Trübsal, daß [sic] sie durchlebt) seit 7 Wochen an einer Bauchfellentzündung, immer zwischen Leben und Tod schwebt. Dabei hat er die Gesangsklasse, wobei sie viel hilft – oh, entsetzlich ist es. Gott sei Dank fangen sie seit 2 Tagen wieder etwas zu hoffen an. Dann andere Freunde hatten 2 [erwachsene] Söhne in Liverpool u. Einen in New-York am Typhus [u. Scharlach] erkrankt, Alle Drei zu gleicher Zeit. Und mehr noch des Schweren könnte ich Ihnen erzählen, kennten Sie die Leute. Wir sind bis jetzt so durchgekommen ohne Influenza, sind aber auch sehr vorsichtig. Ich gehe gar nicht hinaus wegen des fortdauernden Nordost, fahre nur in geschlossener Droschke alle Tage eine Stunde. In der Musik geht es so in tagtäglichem Einerlei fort, aber, eine schöne Woche hatten wir durch Brahms. Er hat herrlich gespielt (sein Gmoll Quartett) die Sonaten m. Clar. und wunderbar seine academische Ouvertüre dirigiert. Er war als Zuhörer im Concert, wurde aber so gebeten, daß er aufs Podium ging, u. die Ouvert. selbst dirigierte, was das Publikum in die hellste Begeisterung versetzte. Seine Stimmung war eine sehr gehobene, die Aufnahme diesmal in Leipzig war doch eine herrliche Genugthuung für ihn und uns, meinen Robert, der das Alles vorausgesagt! – Mündlich, wills Gott, erzähle ich Ihnen noch von seinem Aufenthalte hier.
Gewiß sind Sie nun in Leipzig gewesen, und ich bitte Sie herzlich sagen Sie mir durch einige Worte, wie es Ihrer armen Schwester gesundheitlich geht? mögen die Kinder, die ihr geblieben, ihr tragen helfen, ihr Trost geben! –
Viel herzliche Grüße an Sie und die liebe Malwine auch von Marie. Eug. kommt wohl Ostern für 2–3 Wochen.
Wie immer Ihre
getreue Clara Schumann.

[Umschlag]
Fraeulein
Mathilde Wendt.
Berlin.
173 alte Jacobstr.
III

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 338ff.
 

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