15.07.2019

Briefe



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ID: 21787 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 10.09.1895
 

Interlaken den 10ten September 1895.
Liebe Mathilde,
was werden Sie von mir gedacht haben, daß ich auf all’ das liebe [sic] und Gute, was Sie mir sagen, noch mit keinem Worte gedankt habe. Ich bringe aber in der schrecklichen Hitze nichts Ordentliches zu Stande, auch spielen kann ich jetzt garnicht, und all’ die Zeit, wo es kühler wird, bringen wir im Freien zu. Wir sprechen aber sehr oft von Ihnen und bedauern Sie von ganzem Herzen, daß Sie in dem heißen Berlin sitzen müssen. Ich hatte schon mehrmals den beunruhigenden Gedanken, ob Ihnen die Hitze nicht schaden werde!? Meine Schwester hat es besser jetzt; sie ist noch immer in Schönstadt bei Lucius und schreibt sehr beglückt, daß sie dort die heißen Tage dort [sic] verleben darf. Spazier gänge [sic] haben hier ganz aufgehört. Früh geht es auf den Rugen, wo ich diese Zeilen eben meinem Enkel diktire, und Abends auf die Wiese am Höheweg [sic], wo es herrlich kühl ist und von Menschen wimmelt, die sich dort mit ganzen Familien im Grase lagern. Auf die Chausseen kam man garnicht vor Staub. Gestern machten wir, um einmal wieder einige Stunden Luft zu haben, eine Rundfahrt auf dem Brienzer See, wo wir garnicht ausstiegen, sondern auf dem Schiffe blieben. Das war wirklich erquickend. Heute wollen wir eine ebensolche Fahrt auf dem Thuner See machen. So sind wir denn nicht zu beklagen, wenn wir auch stundenweise von der Hitze leiden. Sie würden sich aber erschrecken, wenn Sie die Waldungen auf den Bergen jetzt sähen, die nach und nach ganz von der Sonne verbrennen.
Herr Stockhausen war 14 Tage hier, wohnte in unserem Hause unten und mit ihm machte Marie manche Parthieen. Heute ist er fort, aber denken Sie, ohne daß wir nur ein Lied von ihm gehört hätten. Die Hitze machte ihm die Stimme ganz rostend, wie er sagte. Seine Frau kam auch mit dem Kind, aber sie kam Mittags vom Hafen an und fuhr gleich wieder davon nach Ringgenberg, wo sie jetzt mit der Kleinen wohnt. Es ist da doch sehr gemüthlich zu wohnen, und für die Kleine das Rudern ein großes Vergnügen.
Mit Schmerzen denkt besonders Marie an unsere baldige Abreise. Da stehen ihr denn noch einige Schlimme [sic] Tage bevor, wie sie denn überhaupt immer alle Lasten auf sich hat.
Miss Johnson ist auch fort, Menschen aber noch genug hier. Wer nicht muß, geht nicht fort.
Von Freunden haben wir sonst Niemanden gesehen, nur H.8 v. Herzogenberg soll noch kommen und acht Tage bei Wach’s wohnen. Die Hitze läßt mich nicht dorthin, es ist zu mühsam für mich. Ferdinand hat einige große, schöne Touren wieder gemacht. Wie beneidenswert, wer all’ das Großartige sehen kann. M. und E. waren neulich auf der Wengernalp per Bahn und entrüstet, wie diese doch die ganze herrliche Natur so entsetzlich profanirt, dann der Qualm beim Herunterfahren allen
Athem benimmt. Marie sagte, daß man oben bei einigen Fernsichten erst um die großen Hotels herumgehen müsse, um sie zu genießen, und das Menschengewühl gradezu widerlich gewesen sei.
Nun genug des Plauderns! Ich denke, daß wir Interlaken so etwa den 17ten oder 18ten verlassen. Ich bleibe mit Eugenie eine Woche in Basel, Marie geht ein paar Tage früher fort, erst nach Baden, dann nach Hause.
Ferdinand mußte fort, so beende ich diesen Brief noch selbst. Sie sind mir doch nicht bös, daß ich dictirt habe!
Ich muß Ihnen noch sagen, daß es mich sehr interessirt hat, was Sie mir vom Denkmal (Brunnen) v. Hildebrand gesagt. Es thut mir aber sehr leid, daß Derselbe doch nicht ganz vollendet ist, das ist doch für den Künstler entsetzlich! –
Leben Sie wohl – ich erfahre ja wohl wieder von Ihnen! möchten Sie nur gesund sein!
Von Herzen Sie Beide grüßend Ihre alte
Clara Schumann.

Ihr lieber Bruder wird Ihnen wohl von musikal Genüssen in Ischl erzählt haben. Mühlfeld war ja da, da gab es Viel des Schönen.

[Umschlag]
Fraeulein
Mathilde Wendt.
Berlin.
173 alte Jacobstraße
III

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Interlaken
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 346-349
 



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