15.07.2019

Briefe



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ID: 21808 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 17.08.1892
 

Interlaken d. 17 Aug. 1892.
Liebe Mathilde,
mit herzlicher Freude habe ich Ihren lieben Brief empfangen, denn er bringt uns ja die Erfüllung dessen, was wir Ihnen gewünscht, einen recht ungetrübten Genuß am Genfer See. Schon befürchteten wir, die Hitze würde Ihnen lästig fallen, wie uns hier seit nun schon 6 Tagen. Man kann gar nichts am Tage unternehmen, Abends dann kühlt es sich allerdings ab. Ich möchte wir hätten mit Ihnen all das Schöne genießen können, so wie wir aber auch wünschten Sie wären mit uns am blauen See gewesen. Immer sagten wir zueinander: „ach, wären doch die Beiden mit hier in dieser wunderbaren Idylle! die Tour dorthin (wir hätten mit dem ersten Schiff gehen sollen, nahmen aber das Zweite) war geradezu entsetzlich! eine total schattenlose Straße bis z. bl. See, 3 Stunden lang von 10−1 Uhr auf staubigster Chaussee! und doch vergaßen wir Alles im Genusse dieses wunderbaren Flekchens! Beschreiben läßt es sich nicht! der Tannengeruch könnte Einen schon veranlassen ’mal eine Zeit lang dort zu wohnen, u., wir dachten ja allen Ernstes daran, aber, die häusliche Einrichtung ist so primitiv, wie man es kaum mehr irgendwo mehr trifft, und dann hörten wir von einer Dame die dort war, die Kost sey sehr schlecht. Das kann ich aber jetzt nicht riskiren, und so mußten wir davon abstehen. Herrlich ist auch die Fahrt (ohne brennende Sonne) dahin, man hat Blümlis Alp, und viele Andere noch, immer vor sich, und ein äußerst reich schattirtes Thal. Ich bin aber seitdem doch sehr angegriffen, mag aber auch von der Hitze überhaupt kommen, denn sie raubt mir vollständig den Schlaf. Hier im Hause wird’s immer ungemüthlicher, u. die Kost oft miserabel. Ich sagte es gern ’mal den Damen, doch, die Mittelmäßigkeit verträgt Tadel am schlechtesten. – Die Schweden sind fort, was mir sehr leid ist. – Borwick war da, und ging mit uns zu Wach’s, wo er gleich sehr freundliche Aufnahme fand. Ich finde ihn jedoch wenig lebhafter geworden, sonst aber lieb wie immer. Gestern kamen Levy’s aus Berlin, was mich herzlich freute. Wir hatten gerade von einem verzweifelten Entschlusse gesprochen, nach Rigi-Scheideck zu gehen, von wo uns Frl. Schönerstedt begeistert geschrieben, als sie kamen, und die Freude des Wiedersehens mich etwas wieder zum Bleiben hier ermuthigte. So werden wir denn doch aushalten, wollen dann etwa 26 oder 27 d. M. nach Baveno gehen, wohin auch Eugenie am 3ten Septbr. kommt, so daß wir doch noch den Septbr zusammen sind. Ich konnte mich nicht beruhigen bei dem Gedanken, das arme, so schwer geprüfte Kind, – so allein herumziehen zu lassen, und so entschloß ich mich plötzlich. Jetzt habe ich ja auch Marie bei mir, also immer eine Stütze, wenn mich die Nerven, oder das Gemüth, niederdrücken wollen.
Wie leid Sie Beide uns thun, daß Sie jetzt zurück nach Berlin müssen, kann ich Ihnen gar nicht sagen – es ist haarsträubend – man begreift solche unmenschliche Einrichtungen gar nicht, für die Lehrer u. die Kinder. Ihrer armen Schwägerin sagen Sie doch, wie herzlich Theil ich an ihrem Leiden nehme, es ist wirklich eine schwere Geduldsprobe, gerade jetzt! ist es nicht etwa Influenza? – Greifen Sie sich nur nicht zu sehr dort an! –
Ich adressire Dieses nach Constanz, und will nun schließen – ich schrieb im Garten, daher so holprich, verzeihen Sie’s.
Marie grüßt herzlichst Sie Beide, ich nicht weniger, und bleibe mit treuen Gedanken
Ihre
Clara Schumann.

P. S. Ich vergaß Ihnen mitzutheilen daß H. v. Herzogenberg nächste Woche bei Wach’s erwartet wird, was mich auch sehr erfreut.
Bitte um eine Postcarte, wenn Sie wieder in Berlin sind. Adressiren Sie hierher – ich lasse mir, sollten wir fortgehen, Alles nachsenden.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Interlaken
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort: Konstanz bei Frau Eller
  SBE: II.14, S. 284-287
 



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