19.12.2019

Briefe



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ID: 21812 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 22.01.1893
 

Frankfurt a/M d. 22 Jan. 93.
Liebe, theuere Elisabeth,
lange bin ich Ihnen eine ausführliche Antwort schuldig geblieben. Wie oft hab ich daran gedacht, aber nun waren kaum die Geburtstag-Schulden abgetragen, da kamen wieder die Neujahrspflichten, die ganz endlos waren. Dazu fortlaufende Correspondenz wegen Krankheit mit verschiedenen Freunden, dann die mit Eugenien, kurz, sagen Sie sich nur vor, was immer, trotzdem ich doch vom Schauplatz abgetreten bin, an mich kömmt, so werden Sie nun denken, ich hätte Sie vergessen. Solche Freunde wie Sie vergißt man nicht. Man sehnt sich ja immer nach ihnen! – Wo soll ich nun aber anfangen? doch wohl bei mir, freilich der unerquicklichste Gegenstand. Es geht mir ja körperlich, trotz stehender Leiden, was die Kräfte betrifft, besser, aber das Kopfleiden ist immer dasselbe, tritt aber zum Glück beim Spielen und unterrichten zurück, so daß ich Beides wieder regelmäßig thue. Theils sind es Schüler aus Marien’s Klasse, theils Privatschüler, die ich habe. Es ist ein wahres Glück für mich, daß ich wieder arbeiten kann. Aber meine Stimmung ist dennoch sehr gedrückt. Es ist für einen Künstler doppelt schwer, alt zu werden. Ich habe noch die ganze geistige Kraft und die der Finger, die Technik macht mir gar keine Schwierigkeit, aber die Nerven wollen nicht, und das ist doch eine furchtbare Prüfung. Dann, was hört man jetzt für Musik, was im Concert, was auf der Bühne? Wo sind die Musiker, die noch ein Ideal in sich tragen? nur Einige giebt es mehr! und [die] reisenden Virtuosen, wie betreiben sie das concertiren. Kaum wissen sie heute, wo sie morgen spielen werden, das arrangirt alles der Agent. Oh es ist so widerwärtig – Gott sey Dank, daß ich solches nie erlebt habe, als ich noch reiste! Ich gehe fast gar nicht mehr in Concerte, kann es nicht wegen meinem Kopfleiden, denn Orchestermusik ist mir wahrhaft unerträglich, da höre ich Alles falsch. Ich muß es aber, bei der jetzigen Richtung, wie auch unsere jetzigen Dirigenten die classischen Werke einstudiren, mit all den Mätzchen, enormen Forte’s und Pianissimo’s, Ritardando’s ect. ect. beinah für ein Glück halten, daß ich es nicht hören kann, ich müßte sonst doch manchmal Rücksichten halber solche Aufführungen ertragen. Ob wohl Maschkowski die neumodischen Auffassungen mitmacht? Herzlich leid thut es mir aus Ihrem Briefe vom Octbr zu ersehen, daß Ihre liebe Schwester nicht kräftig genug ist Unterricht zu geben. Es ist wohl anregend ab und zu mit der Jugend sich zu beschäftigen, das empfinde ich sehr. Man interessirt sich doch für jede einzelne Schülerin, und das giebt Einem wieder zu denken! Und dennoch ist es gar beglückend mit Jemandem zu leben, der ganz mit Einem fühlt und denkt. Ich empfinde das Glück stündlich mit Marie. Nun, Sie wissen, was sie mir ist! – Die Trennung von Eugenie war sehr

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Werner, Elisabeth (1691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
733ff.
 



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