19.12.2019

Briefe



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ID: 21823 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 14.11.1885
 

Frankf. d. 14 Nov. 1885.

Liebste,

mit Diesem geht ein Brief an Limburger ab – leider nur bin ich, wenn ich ’mal in meinem Leben intriguiren will, nicht succesvoll. Hier handelt es sich nun schließlich aber auch gar nicht um eine <>Intrigue, sondern nur um einen Wunsch, den ich speciell wirklich hege – es würde mich ja gar so sehr freuen die Symphonie zu hören, und die schöne Aussicht Sie dann zu sehen – es wäre reizend! – Sie erhalten die Antwort, sobald ich sie erhalten, sofort. Ihr lieber Brief war mir solch ’ne Freude – nun höre ich doch auch manchmal etwas über die Berliner Zustände u. das Wirken von Joachim. Warum aber bedauern Sie ihn so wegen des Orchesters? er braucht ja die Concerte gar nicht, hatte früher nur die Hochschulen-Concerte, wo er nur seine Geige hatte, u. die waren herrlich. Warum genügte ihm<> nicht damit? – Ich freue mich herzlich ihn diese Woche zu sehen – werde ihm auch noch sehr zureden auf nichts mehr einzugehen, als was das Gericht verfügt. Addio, liebe Beiden! Ihre Karte an B. habe ich neulich n. Amsterdam befördert. Gern wüßte ich wie es mit der Symphonie am Freitag gegangen?
Waren Sie zufrieden?
Getreuest Ihre
Cl. Sch.

Die Symphonie von Brahms hat mir theilweise, besonders als er sie mir am Clavier vorspielte, ganz herrlich geschienen, ich war über die Genialität in seiner Bearbeitung, wo er eine so merkwürdige Schaffenskraft hat, entzückt, aber am Abend, wo der Saal halb voll nur war, das Quartett sehr schwach war,die Blasinstrumente oft greller dadurch hervorstachen, nicht so befriedigt; obgleich ich <sie> die Symph. nachlas, hörte ich doch Vieles gar nicht, von den polyphonischen Feinheiten ging so Vieles verloren, auf das ich mich besonders gefreut hatte. Ich warte nur darauf sie wieder zu hören, und sehne mich sehr darnach. Herrlich finde ich den 1, 2 u 4ten Satz – die < >Var. wunderbar, aber da er gar keine Andeutung giebt, selbst f. d. besten Musiker das erste Mal unverständlich. Das Thema ist vorüber, ehe der Zuhörer nur weiß, daß es sich um ein Thema handelte – ich hielt es auch erst f. einleitende Accorde. Könnte er nicht sagen: Finale con Variatione?
Bitte zerreißen Sie dies gleich – ich kann ja eigentlich noch nicht urtheilen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
Empfänger: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
615ff.
 



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