25.02.2022

Briefe



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ID: 21987
Geschrieben am: Samstag 13.05.1848
 

Dresden d. 13 Mai 1848
Endlich, endlich, gelingt es mir ein Stündchen zu erhaschen, um einmal wieder ein wenig mit meiner Milla zu plaudern! Du kannst mir’s glauben, daß das schwer hält, denn meine Zeit ist Minute für Minute berechnet; ich gebe täglich 2–3 Stunden, dabei spiele ich selbst eine Stunde, schreibe Tagebuch, arrangiere einmal das, einmal jenes ┌für’s Clavier┐, gehe täglich doch wenigstens eine Stunde mit Robert, versorge meine Kinder, treibe englisch (mit einer Schülerin von mir aus Plymouth), nicht zu gedenken der Besuche die man machen und empfangen muß, da bleibt mir dann wahrhaftig wenig Zeit zu meiner Correspondenz. – Deine beiden lieben Briefe habe ich erhalten, von Elise aber noch gar keinen seit meiner Entbindung. Daß sie schon wieder guter Hoffnung ist, hat mich sehr überrascht – das geht am Ende nun eine Weile so fort! – Ich bin sehr glücklich mit meinem kleinen Ludwig, das ist ein Junge, wie ich mir nur Einen zeizend denken kann, dick wie so ein kleiner Posaunenengel, |2| dabei immer freundlich, nur anzusehen braucht man ihn und er lacht auch schon, dabei ist er sehr gescheidt für sein Alter, äußerst empfindsam und lebendig. Gott erhalte mir diesen Jungen, ich bin immer in Angst um ihn, weil er mich gar so selig macht! – Meine anderen Kinder sind Alle recht munter, nur Julchen bleibt immer zart und klein, obgleich auch sie ganz gesund ist. Marie und Elise gehen in die Schule und lernen fleißig, auch in der Clavierstunde die ich ihnen geben lasse, um mich mit den ersten Anfangsgründen nicht selbst abplagen zu müssen, da auch meine Zeit zu kostbar ist; Elise zeigt besonders Talent für Musik. Robert ist sehr fleißig, und so leben wir denn trotz aller politischen Wirren fort und fort unserer Kunst! ja, liebe Emilie, viel ist seit unserer letzten Correspondenz in der Welt passirt, und wie oft dachte auch ich an Deinen guten Vater, der jetzt, lebte er noch, den Lohn für seine rastlose Thätigkeit und reellen Gesinnungen erhalten würde – Minister wäre er gewiß geworden. |3| Gott wollte es anders! hier möchte man auch fragen warum? doch dem Schicksal müssen wir uns in Ergebenheit fügen – es muß doch noch eine bessere Welt geben, und dahin hat Gott Deinen Vater geführt, vielleicht, um ihn vor manchem Ungemach noch zu schützen! laß uns das glauben, der Glaube ist der beste Trost.
Was Du mir von Lina schreibst, daß sie Dich für mich malen wollte, machte mir große Freude, aber, bitte Lina daß sie es auch wirklich ausführt, da ich nun in dieser schönen Hoffnung lebe. Wie muß sie fleißig sein, daß sie es schon so weit gebracht! sähe ich sie doch einmal! doch dazu ist vor der Hand gar keine Aussicht, da wir ruhig hier bleiben, und Ihr ja auch nicht kommt. Es ist doch eigentlich unverzeihlich, daß Du, meine liebste Freundin, mich noch nicht einmal besucht hast, während es nur einen Entschluß kostet Dich auf den Dampfwagen zu setzen und abzufahren. Ich bin Dir eigentlich auch recht bös deshalb!
Vor 5 Wochen waren wir in Leipzig, wo ich im letzten Abonnementconcert spielte, und wir immer (trotz der Zeitereignisse) mit wahrem Enthusiasmus aufgenommen wurden. Ich war mehrmals |4| bei der Mendelssohn, und verehre diese Frau wie Keine, denn solch eine englische Sanftmuth, solch eine wahre rührende Frömmigkeit ist mir noch nie vorgekommen. Sie erzählte mir viel von ihres Mannes letzten Tagen, führte uns in sein Arbeitszimmer, wo noch Alles lag wie er es verlassen; das erste Mal, als ich dort war, war mir das Herz zum Zerspringen vor Schmerz, das wirst Du Dir auch denken können. Sie sagte mir, sie könne sich meinen Schmerz wohl denken, denn ich wisse ja, wie ihr Mann mich geliebt und verehrt habe, und an ihm habe ich wohl meinen besten Freund verloren! – Sie geht bald nach Frankfurth.
Die Frege hat einen allerliebsten Jungen von nun 16 Monaten. Ihre Stimme hat aber sehr gelitten. Musik wird jetzt fast gar nicht gemacht, nur einen Verein für Gesang hat Robert hier gegründet, der sich großer Theilnahme erfreut, und alle 1–2 Monate eine Aufführung giebt, d. h. nur vor Mitgliedern der Gesellschaft. In der ersten Aufführung kam Gades’s ┌schöne originelle┐ Commala daran, in der dritten (Ende dieses Monats) soll Roberts Schlußscene aus dem zweiten Theile des Faust’s daran kommen, worauf ich mich unendlich freue, denn das ist ein herrliches Werk! –
Nun Euch Allen 1 000 Grüße! Schreibe mir, bitte, recht bald wieder, Du hast ja mehr Zeit, als ich. Ich denke Ihr werdet am Ende schon bei Elise sein, darum schicke ich diesen Brief nach Wien. Elisen, ihrem Manne, Deinen Schwägerinnen und Deiner lieben Mutter
Alles Schöne von Deiner
Clara.
NB. Meine Adresse ist: Große Reitbahngasse Nro 20, 1 Treppe.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Absendeort: Dresden
  Empfänger: List, Emilie (962)
Empfangsort: Wien
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 8
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit der Familie List und anderen Münchner Korrespondenten / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-019-3
239-242

  Standort/Quelle:*) Slg. Cornides; Abschr. (gek.) in Copien-Mappe Marie Sch.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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