19.12.2019

Briefe



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ID: 22540 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 24.06.1855
 

Sonntag, den 24. Juni 1855.

Meine geliebteste Clara,

heute morgen las ich Ihren lieben Brief 1/2 8 noch im Bett. Ich hatte lang gelesen und wachte oft. Überhaupt stehe ich jetzt nicht gern auf, denn ob ich früher oder später hinunterkomme und allein Kaffee trinke, wie gleichgültig. Joachim war gestern so sehr erkältet, daß er bis gegen Abend im Bett lag. Den Abend waren Dietrich und ich bei ihm. Recht leid tut es mir, daß Sie, wie wahrscheinlich, Briefe so unregelmäßig bekommen. Ich habe doch täglich geschrieben, soviel ich denke, und immer müssen Sie 2 Tage warten. Mich hat nie das Wetter so furchtbar verstimmt, wie in den letzten Tagen. Gestern war ich ganz und gar unglücklich. Heute endlich scheint die Sonne, und der Himmel ist etwas blau. Unmöglich kann ich Ihnen bestimmt schreiben, ob ich nach Mehlem reise oder nicht. Ich glaube kaum, denn morgen wollt' ich fort, und es sieht mir gar nicht danach aus. Denken Sie sich nur immer mich hier, einsam und immer Ihrer denkend. Ich fürchte sehr, Sie kommen vor Sonntag nicht! Es wäre wohl vernünftig, ich erwartete Sie hier. Ich dachte früher im Dorf oder Städtchen zu bleiben, aber durchaus nicht, aber durchaus <nicht> habe ich den Kreislerschen Mut, an Hof zu gehen. Das macht mir Angst. Wenn's gutes Wetter, da denken Sie an uns bisweilen auf dem Grafenberg, dann freue ich mich auch Ihrer, daß Sie weiter gehen können.
Meinen herzinnigsten Gruß <>
Johannes.

Sonntag.


V. S.

Bevor wir auf den Grafenberg wandern, auch von mir einen schönsten Gruß! Ich bin heute wieder sehr guter Dinge, trotz des noch immer unfreundlichen Wetters. Wir haben eben an Ihrem Tisch das Johannisfest gefeiert, über welches Eugenie und Kompagnie an einem großmächtigen Kuchen besonders ihre Freude ausließen; Eugenie sah mit einem Kornblumen-Kranz vom Feld allerliebst aus! Für heute nur noch: auf baldiges Wiedersehen
Joseph Joachim.

  Absender: Brahms, Johannes / Joachim, Joseph (3171)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: Detmold
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
217f.
 



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