15.07.2019

Briefe



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ID: 22652 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 10.08.1873
 

Baden, den 10. August 1873.

Lieber Johannes,

Ich musste meine Antwort auf Deine letzten Zeilen viel länger hinausschieben, als mir lieb war, ich war aber außerordentlich beschäftigt, da ich erstlich nur die Vormittage zur Arbeit hatte und an diesen fast immer zwei Stunden zu geben und vieles andere zu vollbringen hatte. Unter anderem auch eine Arbeit für Flaxsland, das Arrangement einer Anzahl Lieder vom Robert für Klavier. Ich wollte erst nicht daran, weil ich solche Arrangements nicht mag, aber dann hätten sie es einem anderen übertragen, der ist vielleicht noch weniger gut gemacht hätte. Die Arbeit hat mich aber viel Zeit gekostet, übrigens doch dabei oft Freude gemacht. Ich werde noch viel damit zu tun haben, bis ich ganz in Ordnung bin.
... Ich bin leider nicht in die Schweiz gekommen, will aber vielleicht nach dem Fest, d. h. im September (nach dem 9., wo ich hier gespielt), ein wenig in die Berge, ehe ich zur Genoveva nach München gehe.
....Ausgestanden haben wir hier fürchterlich von der Hitze, namentlich die Nächte, die für mich sehr schlimm waren, denn wenn ich nicht schlafen kann, gehen nur trübe Bilder an meiner Seele vorüber. Es gab auch gar so viel Trauriges all die Zeit, die vielen Eisenbahn-Unglücke, das Unglück des Woldemar, der Tod Davids, der mich tief betrübt hat, der schreckliche Tod der v. d. Pforten, die ich sehr gut kannte, kurz, es kam so vieles über mich, dass ich kaum aufzuatmen wage; ich denke unaufhörlich an Unglück irgendeiner Art, soviel ich auch in mir dagegen vernünftele.
Wie froh war ich, aus Deinem Schreiben über David entnehmen zu können, dass jemand von den Seinigen um ihn war. Er wird in Leipzig doch sehr vermisst werden, und ich werde ihn auch sehr vermissen, wenn ich wieder dorthin komme.

Vorgestern kam Rudorff auf ein paar Tage hierher - er hat sich unten im Frau Beckers Salon eingemietet, da oben vermietet war. Joachim wollte auch noch ein paar Tage kommen, aber, einmal in Bonn, glaube ich nicht, dass er sich wieder losreißt.
Deine Idee mit den Variationen, sie in ihrer ursprünglichen Gestalt zu geben, überraschte mich (ich hatte nie daran gedacht) und gefiel mir sehr, aber dann, bei mehrerem Nachdenken, kamen mir die Zweifel, namentlich der, ob es nicht zuviel Ensemble-Musik werde, da wir schon zwei große Ensembles haben! - Daß nur zarte Rücksicht es war, die mich zurückhielt, Dich aufzufordern zu den Variationen, brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Alles Weitere spare ich mir auf bis mündlich in Bonn. Sei mir herzlichst gegrüßt, lieber Johannes. Wir gehen am 15. nach Bonn. Gedenke Deiner

Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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