15.07.2019

Briefe



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ID: 22654 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 17.09.1873
 

Baden, den 17. September 1873.

Lieber Johannes,

Dein lieber Brief war am Geburtstagsmorgen der erste schriftliche Gruß, den ich erblickte - er freute mich innig! Die Regenlieder kamen gestern auch nach- hab' Dank für alles.

Also nun wieder in Wien! Wohl jetzt immer im Ausstellungsgebäude? Wir denken nun auch ernstlich ans Einpacken, aber mit Entsetzen, denn was alles bedarf es, um daß man sich ein wenig behaglich in seinen vier Wänden fühlt! Du hast wohl recht, zu meinen, Felix studiere besser in Berlin! Wäre er nur erst wieder gesund! Er bekam 4 Tage vor meinem Geburtstag eine Brustfell - Entzündung, die, wie der Arzt sagte, sich längst vorbereitet hatte. Die Gefahr ist jetzt vorüber, aber er liegt noch immer zu Bett, und unter 8 Tagen ist nicht an Verlassen des Zimmers zu denken. Der Arzt sagt, es bedürfe der größten Vorsicht, daß seine Lunge nicht angegriffen werde! Welch eine Sorge mir nun daraus wieder erwächst, kannst Du Dir denken, mein armes Herz wird doch immer auf neue Proben gestellt! - Wie bin ich nun froh, - daß wir den Beschluß gefaßt hatten, Felix bei uns zu haben, und ich bedauere nur, dass ich die 1 1/2 Jahre in Heidelberg nicht ungeschehen machen kann. Felix hatte zu meinem Geburtstag einen kleinen Schwank gemacht, den sie aufführen wollten, aber nun natürlich nicht konnten. Ich sende Dir mit den abgeschriebenen Liedern (bis Ende d. M.) seine Gedichte, und es wäre mir lieb, wenn Du sie mal durchläsest und an die, welche Dir etwa gefallen, ein Zeichen machtest. Einige davon sind doch recht hübsch, er hat oft sinnige Gedanken und Humor. Wir sind jetzt gar zu sehr beschäftigt, darum schicke ich sie alle, sonst hätte ich Dir die besseren kopiert. Sage mir offen, was Du davon denkst - glaube nicht, daß ich als schwache Mutter an ein Genie bei ihm dächte, im Gegenteil, ich habe eine solche Angst vor Überschätzung der Talente seiner Kinder, dass ich vielleicht manchmal zu viel verlange von ihnen.

Sehr erfreut bin ich, daß Du so schönes Honorar für die Quartette erhältst. Ich muss immer staunen, wie enorm sich das gesteigert hat in den letzten Jahren. Wie viel weniger hätte mein armer Robert sich zu sorgen gebraucht, wäre es früher schon so gewesen. Nun, lege nur Dein Geld gut an, sicher, lieber mit weniger Prozenten. Wirst Du bald an die à 4/m-Auszüge der Quartette gehen? Und kommen auch die Variationen?

Bei den Noten später werde ich Dir einiges beilegen von Artikeln, nur hätte ich sie gern mit den Noten wieder zurück, weil ich sie mir aufhebe.

Herzlichen Dank für Dein Anerbieten mit dem Quintett - aber ich glaube, Du hast Recht in dem, was Du mir hier sagtest. Ich habe Joachim das Nachtlied geschenkt, fürchte aber beinahe, es war nur mir zu genügen.

Neulich habe ich hier gespielt (mochte jetzt, wo keine Spielbank mehr ist, nicht "Nein" sagen) und wurde mit einer enormen Blumenspende empfangen, nur ungeschickt, durch einen riesigen Blumenkorb, den zwei Diener auf das Podium brachten, in die peinliche Verlegenheit gesetzt. Hätten sie mir den nach Haus geschickt, wäre es für mich viel erfreulicher gewesen - die Lorbeerkränze und herrlichen Buketts, die sie geworfen, wären ja genug schon gewesen! Es ist doch sonderbar, wie leicht bei solchen Gelegenheiten Taktlosigkeiten mit unterlaufen. Doch nun Adieu! Lass mich bald wieder von Dir hören, lieber Johannes, und bleibe gut Deiner alten

Clara.

An Herbeck habe ich geschrieben und ein für alle Mal 1000 Gld. verlangt - er schrieb gar nichts von Honorar, nur von Tantieme.

In Wiesbaden ist die Oper angenommen, wenn ich die Partitur bis Ende d. M. einsende.

Die Kinder grüßen schönstens.

Bis zum 8. Oktober bleiben wir noch hier.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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