15.07.2019

Briefe



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ID: 22657 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 12.12.1873
 

Berlin, den 12. Dezember 1873.

Lieber Johannes,

Ich will Dir wegen des Flügels doch gleich antworten, damit Du weißt, was damit beginnen. Es ist mir leid, daß Du so viel Umstände jetzt damit hast - verkaufen möchte ich ihn nicht, aber willst Du ihn der Gesellschaft der Musikfreunde schenken (er ist ja eigentlich Dein Eigenthum), so ist mir das sehr recht, und wollen diese es nicht, so bitte Fabers, ihn einstweilen zu platzieren. Joachim sagte, er würde ihn gern aufheben, aber der Transport hierher - das ist doch zu viel - dadurch wird er ja noch immer kostspieliger. Ach, daß ich nun so ein Konzert nicht hören konnte! Wie hätte mich das erhoben, und wie hätte es mich auch gefreut, Dich dabei am Dirigierpult zu sehen, und so befriedigt! Hier hört man außer Joachim Quartett nichts!!! Das Theater ist ganz mittelmäßig, die Singakademie zopfig, die Sinfonien über die Begriffe langweilig und so weiter. Genußreiche Stunden habe ich durch Dein Konzert gehabt, ich kann sagen glückliche. Es ist gar zu schön und ist mir in Leipzig sehr gelungen. Das Orchester war gut, aber nicht frei, das konnte auch nicht sein bei einem ihnen so fremden und schweren Stücke. Reinicke hat sich große Mühe gegeben - ich hatte nichts über ihn zu klagen -, das Publikum verhielt sich respektvoll, sie riefen mich, die Musiker aber und Musikfreunde, deren eine Masse waren, kamen alle und dankten mir, daß ich ihnen das herrliche Werk vorgeführt, und das machte mir denn doch große Freude. Ich müsste es alle Jahre spielen können, noch 3-4 mal, dann würde es auch dem Publikum vertraut. Wer weiß aber, ob ich es je wieder spielen kann, denn meine Schmerzen im Arm sind sehr schlimm - ich kann jetzt gar nicht spielen, soll auch eigentlich nicht schreiben, habe Dir aber doch so vieles zu sagen und entschließe mich so ungern zum Diktieren! Ich habe nur Hoffnung auf Teplitz im Mai, was aber mit London wird, weiß ich nicht! Ich hatte das Engagement schon reduziert auf fünf Wochen nur und nur 2mal wöchentlich spielen, kann ich aber die Schmerzen nicht fortbringen, so muss ich ganz abschreiben!

Vor Leipzig war ich in Dresden zwei Tage - das waren unsäglich traurige Tage für mich. Ich fand die Mutter nun vereinsamt in einer andern Wohnung, die alte halb niedergerissen (da kommt ein neues Haus hin) - ach, wie hart ist der Tod, wenn er uns so ins Herz hinein greift! Ich fühlte so recht, wie lieb ich meinen Vater gehabt (in ihm musste ich ja die Mutter mit lieben), und wie dankerfüllt mein Herz für ihn schlägt. Hätte ich ihn nur einmal noch sehen, umarmen können! Denke Dir, daß er, der selbst so einfach lebte, so wenig Ansprüche an des Lebens Komfort machte, stets (bis zum letzten Tage sogar) tätig für andre war, und jetzt ein ganz hübsches Vermögen (wohl an die 60 000 Tlr.) hinterlassen hat, und meiner liebevoll Erwähnung getan hat, wie ich es nie gedacht hätte. Kannst Du mir nachfühlen, das gerade dieses mich so unsäglich traurig gemacht? Ich weiß nicht, was es ist, aber ich kann nicht daran denken, ohne daß mein ganzer Schmerz ausbricht. Es war mir entsetzlich, als wir den Kasten mit all den Papieren öffnen mußten, die Papiere anzurühren, die er für uns gesammelt. Es macht mir nichts Freude, was ich Hübsches habe, immer schwebt mir seine Einfachheit vor, und kommt mir alles Unrecht vor, was ich und meine Kinder genießen, woran er nie gedacht. Verzeihe, daß ich Dir so viel davon vorspreche - ich fühle aber doch, daß ich zu dem treuesten Freunde spreche und kann des Herzens Zug nicht widerstehen.

.... Felix geht es viel besser, aber - er hustet doch noch! Er studiert fleißig und scheint sich mit uns behaglich zu fühlen, was mir doppelt lieb ist, da wir ja seinetwegen hier sind. - Joachim sehen wir öfter, aber stets so abgehetzt, daß mir oft recht bange für ihn ist....

Nun sei mir innigst gegrüßt, mein lieber Johannes, und behalte lieb

Deine Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 

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