23.11.2019

Briefe



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ID: 22671 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 23.10.1875
 

Berlin, den 23. Oktober 1875.

11 Zelten N. W.

Lieber Johannes,

hätten meine Gedanken an Dich sich immer gleich belebt, d. h. hätte ich sie immer gleich schwarz auf weiß Dir senden können, hättest Du längst und viel von mir gehört, aber was alles brachte die letzte Zeit! Erst die Zeit in München, dann ein Unwohlsein in Baden, dass mich 8 volle Tage ans Zimmer fesselte, dann einige Besuche am Rhein, zuletzt Düsseldorf, und erst seit 8 Tagen bin ich wieder hier und fand einen Berg von Briefen zu beantworten und Geschäfte aller Art so viel, daß mir mal wieder der Kopf schwirrt, und nun rüsten wir auch schon wieder zu einer kleinen Konzertreise. Ich will's versuchen und habe von einer Masse Engagementsanträgen einige, in Leipzig, Frankfurt und Köln, Bonn, angenommen. Dezember, Januar und Februar wollte ich gern ruhig hier bleiben, um mich auch den kalten Winterreisen nicht zu sehr auszusetzen, und so opfere ich denn jetzt den November-Monat dafür. Möge es glücklich gehen! -

Mit der Hochschule wurde es also nichts, was ich aber erst Ende vorigen Monats erfuhr. Ich bin im Grunde sehr froh, und von neuem hier wieder, denn, wie du sagst, Unliebsames bringt solch 'ne Stellung manches. Joachim schrieb mir aber, sie gäben deshalb den Gedanken an mich doch nicht auf.

In München hatte ich so etwas den Gedanken, du kämest vielleicht auch. Manfred war schön, nur genierte mich szenisch einiges, und Possart, bei aller Kunst und Meisterschaft, macht mich nicht warm. Leider wurde mir dieser Abend durch den darauffolgenden etwas verkümmert, einmal in München, mußte man aber Tristan doch sehen. Das Vogelpaar ist ja ein herrliches Sängerpaar, aber diese Oper - etwas Widerwärtigeres habe ich wohl kaum noch gehört und gesehen. Wer das mit Vergnügen hört und - sieht, dem fehlt doch jedes sittliche Gefühl. Daß man es wagen darf, einem gebildeten oder gebildet sein wollenden Publikum so etwas zu bieten, ist ein furchtbar trauriges Zeichen der Demoralisation unserer Zeit. Doch, es empört sich in mir alles, denke ich nur daran, darum nichts weiter davon.

Eine allerliebste Oper von Méhul, Uthala, richtete mich wieder etwas auf. Wir sahen auch einige Schauspiele, aber die Burg mit Lewinsky, Wolter, kann einem doch nichts ersetzen.

Mich verlangt sehr zu hören, wie Du jetzt lebst? Deine schönen Liebeslieder erhielten wir neulich und danken alle drei sehr dafür. Das Quartett erwarte ich auch sehnlichst.

Du legst doch deine Kapitalien sicher an? Es ist gefährlich jetzt mit all den Schwindelgeschäften. Wie steht's mit dem Autorenrecht in Paris? Versäume das doch nicht, es kostet Dich nur einige freundliche Worte an Durand et Schoenwerk (Du kannst deutlich mit lateinischen Lettern schreiben). Levi wollte mich zum 17. Dezember, Beethovenfeier, nach München haben, ich werde es aber dieser Tage wieder abschreiben - es ist zu riskiert mit den Schneefällen um diese Zeit. Kirchner bleibt ja nun doch in Würzburg? Da soll aber eine beispiellose Wirtschaft sein. - Perfall war neulich 'mal zu einer Inspizierung dort gewesen. Recht erfreut bin ich über Spittas Hiersein- das ist mir ein sehr angenehmer anregender Umgang. Ich wollte, wir könnten recht viel zusammen verkehren, ich habe nur immer die Angst, so wenig ihn bieten zu können.

Ich reise am Dienstag ab und kehre bis Mitte November hoffentlich zurück. Eugenie bleibt hier, die Fillunger mit ihr bei uns.

Mache mir bald die Freude eines Briefes, lieber Johannes, und sei gegrüßt in alter treuer Gesinnung

Von Deiner

Clara.

Die Kinder grüßen schönstens.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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