15.07.2019

Briefe



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ID: 22840 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 01.01.1888 bis: 31.01.1888
 

Wien, Mitte Januar 1888.

Liebe Clara!

Mit dem Buche dachte ich Dir einen kleinen Ersatz zu bieten, falls dies Jahr etwa die englische Reise ausfallen sollte.

Für Deinen Gruß aus Stuttgart doppelten Dank, denn er hat mich zweifach erfreut; für mich (und auch für meine Symphonie) und für Dich - Daß Du so frisch und gesund bist, Dir und den andern solche Freuden machen zu können.

Ich fuhr während der Festzeit viel herum. Vor Weihnachten war ich in Pest, Christabend in Meiningen und zu Neujahr in Leipzig. Namentlich nach Meiningen hätte ich Dich zum Mitgenuß hinwünschen mögen. An allem möglichen hättest Du die ganzen Tage Freude gehabt. Die Christbäume (auch meinen) und was dazu gehört würdest Du gebührend bewundert haben. Was aber sonst alles genossen! Die liebenswürdigen, vortrefflichen Wirte (der Herzog v. Koburg als Gast), das Theater und die Kapelle - zudem für die freien Stunden ein so herrliches Winterwetter, wie ich es nie genossen habe. Die Bäume bis in die kleinsten Zweige voll Schnee - man konnte sich nicht satt sehen und gehen.

D'Albert mit seiner Frau war zum Konzert am 25. gekommen - fand aber nicht nach Haus, denn jeden Tag hielt was anderes.

2 Aufführungen der Jungfrau von Orleans mit verschiedener Besetzung, die Gespenster von Ibsen, morgens Musik mit der Kapelle usw. Kurz, auch Du wärst nicht abgereist!

Leipzig war aber auch so hübsch wie möglich - nur wurde man den wehmütigen Gedanken an Herzogenbergs nicht los. Von Fillu aber war's sehr schön, daß sie den Armen ihre Festtage gegönnt hat. Tröstliche Nachricht wird sie wohl nicht mitgebracht haben.

Daß die armen Franks am ersten Weihnachtstag ihr einziges Kind verloren, weißt Du wohl. Sein Zustand ist ganz hoffnungslos. Sonst aber kann ich von hier und allen Freunden nur Gutes melden, und Deine gute Nachricht aus Stuttgart wird die Schwäbin, Frau Fellinger, mit besonderm Pläsier hören!

Herzliche Grüße allerseits

von Deinem Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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