19.12.2019

Briefe



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ID: 22842 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 15.02.1888 bis: 29.02.1888
 

Wien, Ende Februar 1888.

Liebe Clara,

nimm es nicht übel, aber ich habe doch recht herzlich gelacht, wie gütig Du bist, und wie kindlich Deine Wiener Geschichte ist!

Der Mann will Autographen, weiter ist es nichts, und da kann ich Dir ganz andere Pfiffe erzählen, mittelst derer die Leute solche zu erangeln versuchen; die werden Dir aber auch vorkommen - nur läßt Du die Leute eben etwas fangen!

Ernst ist die Geschichte mit dem Schumann-Verein natürlich nicht. Der Ernst wäre auch eigentlich recht traurig. Wir haben doch, weiß Gott, keinen Verein nötig zu mehrerer Kultivierung Schumannscher Klaviermusik! Man braucht aber die Leute gewiß nicht zu irgendeiner noch so schönen Einseitigkeit zu ermuntern.

Es ist möglich, daß Herr Brichte und einige weibliche Familien-Mitglieder bisweilen oder häufig Sch. spielen - zu obengedachtem Zweck aber werden sie sich als Sch.-Verein konstituiert haben! Hätte der Verein auch jenseit der Straße Mitglieder, so würde Herr Br., wie alle guten Deutschen, die einen Verein gründen, etwas haben drucken lassen, ein Blättchen herausgeben, und jedenfalls am Kopf des Briefbogens etwas Gedrucktes haben!

Dir mache ich die Sache vermutlich bedenklicher und kitzlicher, wenn ich Dir erzähle, daß Dr. Br. der Vertreter der (Lisztschen) Fürstin Wittgenstein ist und deren Erbschaft zu verwalten hat. Es liegt nahe, zu denken, daß er dadurch in den Besitz von Handschriften der modernsten Meister gekommen ist - und zur Liebhaberei!

Durch meine Bücher-Schrift aber habe ich Frl. Marie ja grade als würdige, ernsthafte Lehrerin anerkannt! Die Anzahl Bände hat Mendel-Reißmann. Schwerer zu lesen, aber der Mühe wert ist eben Koch-Donner.

Ich habe mir die Freiheit genommen, Donner und auch Riemann zu besorgen, und hoffe, Marie hat nichts dagegen, wenn sie die Bücher in Frankfurt vorfindet. Ich wüßte aber gern, ob Marie die Musik-Geschichte von Donner hat?
Mir ist so, als hätte ich sie einmal gestiftet.

Für den englischen Aufenthalt wie für alle Orte und Zeiten wünsche ich das Beste und grüße herzlichst!

Dein

Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Wien ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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