15.07.2019

Briefe



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ID: 22847 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 01.06.1888 bis: 30.06.1888
 

Thun, Juni 1888.

Liebe Clara,

Deinen freundlichen Geburtstags-Gruß habe ich noch in W. erhalten und seitdem meine allerschönste italienische Fahrt gemacht – aber jede folgende ist wohl die Schönste!

Ich hätte mögen über Frankfurt fahren, um Dir mit Buch und Bildern in der Hand zu erzählen. - Hier – hat mich zudem ein arger Stoß Briefe erwartet, und wenn ich mich auch nicht mit der Entscheidung übereile, so nimmt das doch die Behaglichkeit.

Vor allem hatte ich an Widmann den allerangenehmsten Gefährten, und hat uns beide wieder auf der ganzen Tour das herrliche Wetter treulich begleitet. In der ganzen Zeit hatten wir einzig vor der Abfahrt von Rom ein kleines Gewitter, also eine erwünschte Abkühlung für die Reise.

Möchtet Ihr nun Euren Gsell-Fels [?] oder was sonst zur Hand nehmen, so brauche ich nur die Namen zu nennen, und Ihr könnt nachlesen, worüber alles ich mich zu freuen hatte. In Verona konnte ich noch die letzte halbe Stunde meines Geburtstages feiern. Dann kam Bolonga (Ausstellung), Rimini (am adriatischen Meer), von wo aus wir auch die kleine Republik S. Marino besuchten, Ancona (mit Ausflug nach Loreto), Spoleto (nach Montescasa[?] hinauf), Ferni (Wasserfall), Rom. Hier machten wir namentlich die schönsten Ausflüge in die Umgegend.

In Fraskati wohnt der Schriftsteller Richard Voß in der Villa Falconieri (Ihr kennt vielleicht die neueste Novelle von P. Hense, die dort geschrieben ist und so heißt.) Mit Voß zum alten griechischen Theater etc. Dann Tivoli (wieder Wasserfall – aber wie!) und zum Tyrrhenischen Meer, nach Porto d'Anzio und Nettuno. Ein paar Tage in Florenz und dann durch den Gotthard. Hier machten wir ein schönes Finale, indem wir in Göschenen ausstiegen, in Andermatt übernachteten und dann morgens 6 – 7 Stunden das herrliche Reußtal hinab bis Ersfeld gingen. Dann nach Bern und ich vorgestern hierher.

Das ist nun keine Reisebeschreibung, mit einem Buch in der Hand kannst Du es aber dazu machen und dabei denken an zwei rüstige, fröhliche und empfängliche Menschen, und daß diese auch nicht das kleinste Stündchen ohne Freude und Genuß waren, auch nicht den kleinsten Ärger auf der ganzen Reise hatten – von Instetten z. B. nur die schönsten Glühwürmchen!

Obwohl wir auch nicht von Hitze zu leiden hatten, freue ich mich doch hier des kühleren jungen Frühlings.

Dir geht es hoffentlich vortrefflich, und taumelt Ihr vergnügt von einem Fest zum andern. Einweihung, Jubiläums – jetzt kommt wohl das Raff-Denkmal? Dann aber wünsche ich Euch schöne Sommerruhe in Berchtesgaden und wo sonst – warum kann's nicht in Thun sein!

Von Herzen Dich und die Deinen

grüßend

J. B.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Thun ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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