15.07.2019

Briefe



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ID: 22861 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 19.03.1889
 

Wien, den 19. März 1889.

Liebe Clara,

statt nun endlich die Chronik der letzten Monate zu schreiben, melde ich ganz was Neues. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich in 8 Tagen (Mittwoch 27.) nach Sizilien abfahre!

Die Professoren Barbieri, Billroth und Exner überreden mich, die schöne Reise mitzumachen. Recht sehr wollte mich der Gedanke an Deinen beabsichtigten Aufenthalt in Florenz abhalten - aber ich sage mir, wie höchst unwahrscheinlich es ist, daß Du dazu kommst.

Denke ich aber an die letzte verflossene Zeit zurück, so ist mir erst recht das Liebste und Wichtigste, daß ich Dich gesehen habe und so unverändert, so wie [ich] es schon gewohnt bin. Alles übrige Erlebte machst Du Dir auch so lustig und erfreulich wie Du willst vorstellen.

Joachim war zutraulicher und freundschaftlicher als gewöhnlich, und durch die erzwungene ruhige Zeit hatten wir denn sehr angenehmes Zusammensein. Grade als wir in seine erste Orchesterprobe gingen, schwirrte die Nachricht vom Tod des Kronprinzen herum. Das ganze Orchester war versammelt, aber Probe und Konzert unterblieb. Leider macht Joachim auch die schlechte Sitte der überlangen und überanstrengenden Programme mit.

In Berlin hatte ich mannigfachen Genuß, namentlich auch durch die Theater. Die Joachim-Feier war ja sehr würdig und schön - die Musik dabei nicht gerade besonders. Seine Ouvertüren zu Hamlet und Heinrich recht mäßig. Dagegen hörte ich ein sehr interessantes und schönes Kirchenkonzert unter Joachims Leitung mit 3 Kantaten von Bach und 2 von Schütz.

In Hamburg hatte ich das besondere Glück, ein paar Tage hübsches Wetter zu haben. Die Menschen waren dieselben wie sonst, einige nicht unangenehm. Frau Sauermann fand ich merkwürdig unverändert, wohl und liebenswürdig. Meiner Schwester geht es sehr gut und wohnt sie allerliebst. Stiefmutter und Bruder besuchte ich in Pinneberg, wo sie gar behaglich und hübsch leben.

Könntest Du mir Bestimmtes über Deine Reise nach Florenz sagen, wäre es mir sehr lieb, vielleicht macht sich's auf meiner Rückreise, daß ich Dich sehe.

Die Violin-Sonate ist bereits fertig gestochen, und wirst Du sie bald gedruckt haben!

Für heute nur noch herzlichsten Gruß

Deines

Joh.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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