15.07.2019

Briefe



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ID: 22865 Brieftext


Geschrieben am: Montag 01.07.1889 bis: 31.07.1889
 

Ischl, Juli 1889.

Liebe Clara,

ich meine, Du kannst Herrn Jansen ehrlich und herzlich sagen, wie Du Dich seines Fleißes, Eifers und Interesses freust. Auch wirst Du mit allem möglichen, was er im allgemeinen äußert und Du im allgemeinen bedacht - durchaus einverstanden sein.

Du wirst Dich aber durchaus gezwungen sehn, jegliche direkte Beteiligung an seiner Arbeit, welcher Art sie auch sei, im großen wie im kleinsten, ein für allemal - entschieden abzulehnen. Jede einzelne seiner Fragen mutet Dir notwendig mehr zu, als Du, bei Deinem so komplizierten Leben, Deiner so ganz enorm in Anspruch genommenen Zeit, daranwenden könntest. Kurz, es geht nicht, und ich meine, Du mußt ihn bitten, Dich nicht im geringsten weiter dazu verführen zu wollen. Ich lege den Brief von Jansen wieder bei. Sieh nur einmal flüchtig seine Fragen an, und mache Dir klar, wie lange Du bei jeder einzelnen nach einer Antwort suchen müßtest, bei wieviel Freunden Anfragen, in wieviel Schränken herumkramen, oder wieviel dem unsichern Gedächtnis vertrauen!

Nun aber wäre vielleicht eine Möglichkeit, daß Du dem fleißigen braven Mann anbötest; wenn es seine Zeit und seine Verhältnisse erlauben, sich einige Zeit in Frankfurt aufzuhalten, Du ihm die betreffenden Schränke öffnetest und Bücher und Sammlungen zur Einsicht und Verfügung stelltest, vielleicht auch ein Zimmerchen zu dem Zweck einräumtest. Jansen würde ich auch mitzunehmen erlauben etc.

Das scheint mir alles und das einzige, worauf Du Dich einlassen könntest, und scheint mir für ihn viel und alles, was er wünschen kann.

Aber bitte: lies folgende fragende Briefe von ihm und andern nur ganz obenhin und gleich mit der festen Absicht, keine Minute darüber nachzudenken!

Herzogenbergs waren einen Tag hier, sie bleiben aber auch in Reichenhall nur einen Tag und gehen dann für länger nach B.-Baden. Nach Berlin denken sie doch nicht recht, sondern etwa nach Wiesbaden!

Die Freude an den Menschen wird bedeutend geschmälert, ja, kann ganz unmöglich werden durch den Komponisten. Ich wollte auch noch mit diesem fertig werden, wenn ich ihn nur bisweilen allein hätte. Aber nun ist immer die Frau dabei, und man weiß wirklich nicht, woher die nötigen Redensarten nehmen! Diesmal hörte ich eine Symphonie und ein Trio für Kl., Oboe und Horn. Mit ihm allein hätte ich mich ungeniert und ganz gern darüber unterhalten.

Ich war übrigens nicht Hamburger Bürger, sondern nur Bürgerssohn. Die Auszeichnung ist eine seltene, ich bin nr. 13, die ersten waren Blücher und Tettenborn, die letzten Bismarck und Moltke. Vielleicht liest Du ganz gern die kleinen Texte zu meinen Chören. Namentlich der 3. muß Dir doch sehr gefallen? Da ich sie gerade in einer Zeitung abgedruckt finde, lege ich hier bei.

Und nun grüße ich schönstens und wünsche, daß der Sommer weiter so köstlich bleibe, als er bis jetzt war. Als ich Dir das letzte Mal schrieb, fing gerade der Platzregen von Gratulationen an - die ich diesmal wirklich alle angemessen dankend erwidert habe!

Mit herzlichen Grüßen

Dein

Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
  Absendeort: Ischl
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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