15.07.2019

Briefe



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ID: 22868 Brieftext


Geschrieben am: Montag 23.12.1889
 

Wien, den 23. Dezember 1889.

Liebe Clara,

ich war in Versuchung, mir wieder einmal den feierlichen Zug Deiner Schülerinnen zu Weihnacht anzusehen, oder vielmehr den lustigen, denn nur Du saßest feierlich und ernst am Klavier, wie eine Priesterin im Tempel bei ihrem heiligen Feuer. Das aber machte die Geschichte eben so lustig, und schließlich haben wir uns ja alle königlich gefreut und amüsiert.

Ja, nun werde ich morgen allein hier sitzen und wie heute des Abends allein ins Wirtshaus müssen. Mir hätte es wohl gepaßt, denn zum 4. Januar bin ich ja nach Frankfurt ausdrücklich eingeladen. Da hätte ich denn inzwischen in Meiningen und sonstwo artig sein können. Eigentlich wär's ja nicht so übel gewesen. Du siehst aber, was ich mit Schrecken merke, ich bin gar nicht in dem richtigen Fahrwasser zu einem Weihnachtsgruß. So ein einschichtiger Herr merkt auch nichts von derlei hübschen Sachen, nur der große, schöne Tannenbaum, der in meinem Zimmer steht (für die 2 Knaben meiner Wirtin) erinnert mich daran - morgen wird's wohl ein und der andre freundliche Gruß tun. Euch aber wünsche ich von Herzen, daß Euch die Kerzen recht hell und fröhlich ins Herz scheinen; morgen bei Euch, so wie ich es in Gedanken wieder mit erlebe, und übermorgen vermutlich bei Frau Elise -! Mit Scheu und einiger Wehmut denke ich, wie Stockhausen sich seine Festtage zurichtet! Ob ihm vor dem Fest und dem Berliner Konzert behaglich zumute ist? - Hernach? [...]

Zum Mai (hoffentlich aber auch schon vorher einmal) sehen wir uns dann vielleicht am Rhein? Joachim will mich gar zum Klavierspielen verführen! Ein wenig zuhören möchte ich und recht viel spazieren gehen.

Herzogenbergs geht es ja sehr gut, aber ihr hübsches Häuschen in Berchtesgaden wollen Sie verkaufen! Das könnten ja wohl Frl. Eugenie und Fillu in Kompagnie kaufen und bewohnen?

Nun wünsche ich denn nochmals allerseits recht selige fröhliche Weihnachtszeit und hörte gern, wie vergnügt Ihr gewesen seid.

Von Herzen grüßend

Dein

Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Wien ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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